Der Berner Mattegucker

Der Bärenwart aus der Matte

Kurz vor Redaktionsschluss vom Mattegucker Nr. 5 treffe ich Walter «Wale» Bosshard zu einem Gespräch. Er ist zurzeit ein gefragter Mann, denn er ist Tierpfleger im neuen Bärenpark.
Bevor der in Köniz geborene Wale Bosshard Tierpfleger wurde, absolvierte er die Ausbildung zum Fotolithografen. «Ein Beruf, den es heute gar nicht mehr gibt», sagt er lachend. «Aber seit ich denken kann, war Tierpfleger mein Traumberuf.»
«Seit wann bist du den schon in diesem Beruf?»
«Bereits seit 1980. Damals begann ich als Tierpfleger bei den Bären im Seeteufel in Studen.»
«Schon so lange?», frage ich erstaunt.
Wale lacht sein spitzbübisches Lachen und sieht mich aus seinen klaren Augen an.
«Von 1981 – 1996 betreute ich im Zürcher Zoo die Menschenaffen. Schreib ja nicht, dass ich auch die Seelöwen gefüttert habe.»
«Wieso nicht?» Ich muss ihn ziemlich verdutzt angeschaut haben. Wale grinst und meint trocken: «Weil es keine gibt.»
«Wie wird man Tierpfleger?»
«Es ist ein grosser Vorteil, wenn man bereits eine Berufslehre abgeschlossen hat, denn es braucht eine gewisse Reife und Verantwortung, um mit Tieren zu arbeiten. Tiere pflegen ist nicht nur «Jöh, die süssen Tiere», sondern es ist mit viel Arbeit verbunden. Ich muss bereit sein, ein Kaninchen zu töten, um dies einem Raubtier zum fressen zu geben. Fressen und Gefressen werden, dies gehört tatsächlich zur Natur. Schmutzige Hände gehören zur Arbeit. Das Wichtigste ist natürlich, Tiere zu mögen. Ich liebe Tiere und ich habe ich immer noch viel Freude an meinem Beruf. Heute ist die Arbeit eines Tierpflegers vielseitiger geworden, je nach Tierart, die man zu betreuen hat.»
«Seit wann bist du den Tierpfleger in Bern?»
«Im Jahre 2002 war eine Stelle im Dählhölzli ausgeschrieben und warum und wieso ich diese Stelle bekommen habe, da musst du meinen Chef fragen.» Wieder sehe ich sein schelmisches Lachen.
«Was hast du den zwischenzeitlich gemacht?»
«Da die Stellen als Tierpfleger rar sind, habe ich als Tauchlehrer auf den Malediven gearbeitet. Es war nicht ganz so einfach wieder einen neuen Job zu finden. Ich war deshalb sehr froh, als ich 2002 wieder eine Stelle als Tierpfleger in Bern fand. Seither wohne ich in der Matte zuerst an der Badgasse und jetzt an der Schifflaube.»
Was gefällt dir an deinem Job als «Bärenwärter»?
«Es hat sich zum Glück vieles verändert. Im alten Graben war ich eher der «Ausmister», heute würde ich mich als Allrounder bezeichnen. Ich habe den Bau vom Bärenpark hautnah mitbekommen und dafür bin ich dankbar. Nicht, dass ich in die Planung hätte reinreden können, aber meine Einwände wurden gehört. «
«Was hat sich in deiner Arbeit in den letzten Jahren verändert?»
«Die Pflege der Tiere ist nach wie vor das Kernstück. Ich organisiere Führungen, da erfährt man etwas mehr über die Bären und den Bärenpark. Kundenkontakt gehört genauso dazu wie Computerarbeit. Zurzeit sind wir drei Tierpfleger und drei Leute im Shop. Der Shop ist in den alten Stallungen untergebracht. Wir teilen uns die Arbeit auf.»
«Was sagst du zu der Kritik, dass die Höhlen der Bären so klein sind?»
Wale schüttelt ungläubig den Kopf. «Der Bär kann den ganzen Tag draussen sein, deshalb braucht er keine Luxuswohnung. Sein Luxus hat er nun, weil er draussen kann und viel Auslauf hat.»
«Und was meinst du dazu, dass Björk nun so viel Aufmerksamkeit mit ihren Jungen bekommt und Finn nicht mehr beachtet wird?»
«So ist es nicht. Finn hatte genügend Aufmerksamkeit. Man sagte auch «Finn ist Vater geworden» und nicht «Björk hat Junge bekommen». Das ist doch ausgleichende Gerechtigkeit – oder?» Wieder sieht er mich aus seinen klaren Augen an.
Bärenwart Wale Bossard

«Du musst doch auch ins Bärengehege. Wie machst du das?»
«Ich bin geschützt, denn wenn die Bären im Stall sind, werden die Gitter geschlossen und ich kann dann ungeniert die Arbeit im Gehege verrichten. Wir gehen nicht einfach zu den Bären rein, den dies wäre viel zu gefährlich. Bären sind und bleiben Raubtiere.» Dies sagt er bestimmt und sachlich.
«Was machst du sonst, wenn du nicht im Bärengraben bist?»
«Zu meinem Leben gehört meine Freundin Babs. Sie zog aus der Nähe von Baden nach Bern. Wir haben uns übrigens 2003 am Zibelemärit kennengelernt», meint er augenzwinkernd. Ich habe Glück, dass es Babs in Bern gefällt. Es wäre schwierig geworden einen solchen Job an einem andern Ort zu finden und diesen Job aufzugeben wäre wohl wirklich fahrlässig gewesen. Als Babs 2008 nach Bern zog, wurde die Wohnung an der Badgasse zu klein und wir zogen an die Schifflaube in eine grössere Wohnung. Babs fand einen Job als Krankenpflegerin bei der Spitex Muri-Gümligen.
Gerne würde ich wieder vermehrt auf Reisen gehen. Uns gefällt es, mit dem Motorrad und dem Zelt unterwegs zu sein.»
Wale fährt eine Honda. «Ich bin nicht jemand «Gring abe und Gashebel ufdrääje» – sondern eher der «Easy Rider», der gemütlich durch die Gegend tuckert und auch mal was von der Landschaft sehen will. Für mich und Babs ist die Natur sehr wichtig und ab und zu packen wir den Grill ein und gehen an die Aare brätlen. Ich bin froh, dass Babs so viel Verständnis für mich hat, denn im Moment bleibt uns wenig Zeit gemeinsam etwas zu unternehmen. Durch die beiden Jungbären wurde meine Arbeit aufwändiger. Die Führungen im Bärenpark sind mehr geworden und diese müssen organisiert und durchgeführt werden.» Wale ist nachdenklich geworden. «Vielleicht wird es im Winter wieder etwas ruhiger. Wir wissen tatsächlilch nicht, wie sich die Geschichte entwickeln wird. Es sind die ersten Jungtiere im neuen Bärengraben und wir haben noch keine Erfahrungswerte. Es waren die ersten Ostern, der erste Frühling mit Jungen im Bärenpark. Es wird der erste Sommer sein.» Wale ist stolz, dass er dabei sein darf.
«Ich bin der Überzeugung, dass der Bärengraben weiterhin ein Erfolg bleiben wird. Klar haben wir sehr viel Glück gehabt. Dass es schon im ersten Jahr Jungtiere gibt, damit konnte man nicht rechnen. Die Freude der Menschen ist gross.» Auch für Wale ist es ein Highlight in seinem Beruf und wenn er über «seinen» Bärenpark spricht, leuchten seine Augen. Sein ganzer Körper ist mit Freude erfüllt.

Bär im Bärenpark Bern

«Was hast du für einen Wunsch an die Besucherinnen und Besucher?»
«Dass die Bärenparkordnung ernst genommen wird und dass man die Tiere respektiert und sich entsprechend verhält. Und stell dir vor, die Besucherzahlen Oktober bis Ende Februar betrugen rund 220 000 Besucher und im März alleine waren es 260 000.» Freudestrahlend sieht er mich an.
Für Wale ist es ein Vorteil in der Matte zu leben, denn ihm gefällt wie vielen das Dorf in der Stadt und vor allem hat er einen kurzen Arbeitsweg, sein Weg zum Bärengraben dauert nur ein paar Minuten. Er möchte weiterhin mit Babs in der Matte bleiben. «Es zieht mich nicht weg aus diesem schönen Quartier», sagt er trocken.
Walter Bosshards Lebensmotto ist Leben und Leben lassen. «Ich bin ein Lebemensch und mag die schönen Seiten des Lebens, aber die andern kenne ich auch», sagt er zum Abschluss unseres Gespräches. Wales trockener Humor hat bei mir manches Lachen ausgelöst. «So jetzt gehe ich noch Richtung Dählhölzli, um Bärlauch zu pflücken. Ich weiss einen Ort, wo nicht alle Hunde hinpinkeln.» Ich lache schallend.
Der im Zeichen Stier geborene Wale ist ein symphatischer- und humorvoller Mensch. Mit seiner gewinnenden Art hat er es mir leicht gemacht mit ihm dieses Interview zu führen.
Herzlichen Dank für dein Gespräch.
Rosmarie Bernasconi