Der Berner Mattegucker

Zu Besuch in der Matte

Ein junger Mann sitzt mir gegenüber. Einer, der vor 2 1/2 Jahren in die Matte zog, der jetzt bereits wieder auf dem Sprung ist und bald wieder aus unserem Quartier wegzieht. Meine Neugier ist geweckt, nach dem bisher die «alten» Mätteler im Mattegucker zu Wort kamen.
Ich habe Markus Struckmeyer bis jetzt nicht oft in der Matte getroffen. Er geht am Morgen aus dem Quartier zu einer Tageszeit, die nicht die meine ist. Am Abend eilt er durch die Badgasse an die Schifflaube. Dort bewohnt er mit seiner Lebenspartnerin Regula Frei eine schöne Wohnung mit Blick auf die Aare.
Es klingelt. Ich drücke den Türschliesser und schon kommt Markus die Treppe hochgerannt. Die Treppe, die ich sonst hoch keuche. Er muss den Kopf einziehen, als er durch die Türe schreitet, denn wie bei vielen Altstadtwohnungen ist es auch bei uns niedrig und nicht für Riesen wie Markus gemacht.
Gemütlich nimmt er mir gegenüber Platz. «Willst du einen Kaffee?», frage ich ihn. «Ja gerne, aber nur wenn du auch einen nimmst.»
«Um diese Zeit mag ich problemlos noch einen weiteren Kaffee vertragen», sage ich lachend. Ich eile in die Küche und braue uns Kaffee. Markus schaut sich um und sein Blick streift in die Ferne. Ich komme mit dem Kaffee zurück und nehme Platz, wie immer mit meinem kleinen Netbook bewaffnet.
«Woher kommt eigentlich der Name Struckmeyer?»
«Der Name Struckmeyer gibt es nur einmal in der Schweiz. Und alle Struckmeyers in der Schweiz gehören zu meiner Familie», sagt er nicht ohne Stolz. «Der Name kommt aus Hameln.»
«Aus wo?», frage ich etwas erstaunt. «Du kennst doch den Rattenfänger von Hameln?», meint er schelmisch.
«Klar.»
«Hameln liegt in Niedersachsen, rund 100 Kilometer von Hannover entfernt», ergänzt Markus.
Markus Struckmeyer ist am 25. Juni 1976 im Zeichen Krebs in Kirchdorf geboren. Seine Mutter ist Schweizerin, sein Vater Deutscher und er ist Doppelbürger. Markus bezeichnet sich als Landei und will aus diesem Grunde wieder aus der Stadt aufs Land. «Obwohl es mir in der Matte sehr gut gefallen hat», wendet er ein. «In der Matte zu wohnen war für mich ein Vorteil, denn ich habe mich behütet gefühlt.


«Ich ziehe nicht wegen den durchfahrenden Autos weg», sagt er lachend.


«Es zieht mich wieder in die Natur und ich freue mich mit Regula aufs Landleben. Vielleicht ändert sich das später wieder, aber im Moment ist es das Richtige für mich.» Markus ist im Umbruch.
Markus StruckmeyerBeruflich arbeitet Markus als Business Analyst in der Informatik. «Ich muss herausfinden, welche Bedürfnisse ein Unternehmen hat und welche Lösungen im Informatikbereich für eine Firma sinnvoll sind. Business Analyse ist nicht immer nur lustig, denn wer mag es schon, wenn jemand die Probleme an einem andern Winkel sieht, als man es in einer Firma gewohnt ist. Ich mag es mit Menschen zusammenzuarbeiten. Nach Lösungen zu suchen und die unterschiedlichsten Bedürfnisse zusammen zu bringen. Es geht nicht darum, alles unter einen Hut zu bringen. Ich würde mir manchmal wünschen, dass Menschen kooperativer zusammenarbeiten würden. So könnten viele Probleme vermieden werden und man käme schneller zum Ziel», meint er nachdenklich.
Markus ist ein aufmerksamer Zuhörer, wacher Geist, spontan, offen. Er bezeichnet sich als sozialen Menschen, denn er findet, dass man gemeinsam viel mehr erreichen kann, als alleine etwas erzwingen zu wollen.
«Ich habe als Programmierer angefangen. Dies war mir aber bald ein Mal zu langweilig, denn programmieren ist meist eine Arbeit im kleinen Kämmerlein und mich hat es mehr interessiert, an der Basis mitzuarbeiten und auch entscheiden zu können», meint er lächelnd. «Mich muss etwas faszinieren, sonst wird es mir schnell ein Mal langweilig».
Markus kann zuweilen etwas ungeduldig sein, wenn andere seinem Tempo nicht folgen können. Er kann auch sarkastisch, manchmal sogar zynisch sein. Dies gehört ebenfalls zu seinem Naturell, vertraut er mir an. Von dem spüre ich wenig, dies hat wohl damit zu tun, dass Markus und ich uns zum ersten Mal zu einem Gespräch treffen.
Markus Struckmeyer denkt ganzheitlich, deshalb gehören Musik und Sport ebenfalls zu seinem Leben.
«Boxen ist für mich ein Ausgleich und gehört bei mir zum Alltag. Ich habe bei Christina Nigg, der Frauenboxlegende der Schweiz, trainiert. Sie legt Wert auf Bewegung und Technik und für mich persönlich ist boxen sehr filigran. Boxen heisst für mich nicht, dem Andern eins in die Fresse zu hauen, denn dafür finde ich den Boxsport zu schade. Die Schlägertypen sind nicht mein Ding.»
Auch Musik ist ein wichtiger Bestandteil im Leben von «Strucky». Er hat das Glück, dass seine Partnerin Regula ebenfalls musiziert. Beide lieben die Musik, beide verfolgen  aber ganz andere Musikrichtungen. Regula spielt in verschiedenen Musikformationen Bass. Sie engagiert sich bei den Plugin Babes, Ray Wilko und andern Gruppen. Markus findet das gut und so können die beiden sich gegenseitig unterstützen aber auch kritisieren.
«Was machst du für Musik?», will ich wissen.
«Hip Rock oder Pop-Hop. Dies ist eine Mischung zwischen Rock, Hip-Hop und Pop,
Ich drücke die Tasten und bringe das Vinyl zum quietschen – auch scratchen genannt.»
Markus ist eines der fünf Bandmitglieder der Gruppe «Halunke». Und dies entnehme ich der Homepage
www.halunkeonline.ch
Ein Musikerkollektiv hat sich für einige Zeit im Untergrund verschanzt und an einem neuen Mundartsound rumexperimentiert. DJ Beats treffen auf Live-Drums und Spielzeug-Gitarren auf Farfisa-Orgeln. Dazu wird in einem breiten Berndeutsch gemächlich gerapt.
Halunke erzählen die Geschichten vom Gouner, chlini Fische und Tanzbär. Weiter haben sie den Soundtrack zum ersten Weltallflug vom Affen Sam geschrieben. Halunke lassen sich von den Grooves und Klängen treiben und steuern aus dem Untergrund die Bühnen an. Momentan haben die Halunke gar keine Zeit um gar nichts zu machen, da sie an ihrem ersten Album rumbasteln. Früher oder später soll das erste Reiseziel erreicht sein. Herbst 2010 erscheint das erste Album der Halunke, sofern sie nicht vorher erwischt werden.


«Ich mache bei diesem Musikprojekt auch mit, weil mir die Menschen passen und ich mich in dieser Gruppe sehr wohl fühle. Mit unserem Projekt möchten wir die Menschen berühren und unterhalten. Nicht wir stehen im Zentrum, sondern die Zuhörer und Zuschauer. Die Musik soll im Vordergrund stehen. Eine Einmannshow ist nicht das, was wir uns wünschen, denn ich finde, es ist immer ein Team, das zusammen spielt.»
«Ich bin sicher auch kritisch gegenüber andern und ich weiss, dass andere anders sind als ich und das ist natürlich gut so», fährt er weiter. «Ich mag Musik, die mich berührt. Musik soll kein Leistungssport sein, denn ich will nicht beweisen, dass ich der Beste, der Schnellste und der Grösste bin. Mir gefällt in unserem Projekt, dass wir gemeinsam musizieren und auch zuhören, was der andere spielt.»
Schön ist es, dass es junge Musiker wie Markus Struckmeyer gibt, die einen entspannten Weg zur Musik wählen und die berndeutsche Sprache in den Vordergrund stellen.

  • 21.05.2010 Nordportal Eventhalle, Baden (Support von Sugar Hill Gang (USA)
  • 25.09.2010 Kulturklub im Maison Pierre, Burgdorf

Markus ist ein spannender Gesprächspartner und Zuhörer. Ein sensibler Mensch, der viel sieht und aufnimmt und mit seinem schalkhaften Lächeln auch wie ein grosser Junge wirkt. Man weiss nie, was als nächstes kommen wird.

Als es zur Fotosession ging meinte er nur: «Ich bin nicht fotogen.» Lässig stand er mir dann aber Modell, so als ob er dies jeden Tag machen würde.

Herzlichen Dank Markus für das amüsante und kurzweilige Gespräch.
Rosmarie Bernasconi