Der Berner Mattegucker

Ein ganz gewöhnlicher Tag

Stefan ZbindenAm Abend stelle ich den Wecker so spät ein, damit ich bestimmt nicht pünktlich am Arbeitsplatz erscheinen werde. Was solls, muss bei meinem Job nicht sein. Bis ich komme, wird sicher einer bereits im Grossraumbüro sein und versuchen, die Lage unter Kontrolle zu haben.
Gemächlich, und langsam nehme ich den Tag in Angriff, damit ich nicht zu früh im Geschäft bin. In der Firma angekommen, gönne ich mir als Erstes ein Käffchen beim Selecta-Automaten. Mit dem gut riechenden Kaffee laufe ich die Treppe hoch. Braune Flüssigkeit schwappt auf die Treppe. Aufwischen? Warum, soll ich, ist doch nur Wasser, das trocknet und nur einen kleinen schmutzigen Fleck hinterlässt. Ist nicht der Erste.
Im Büro angekommen, husche ich mit dem Becher in der Hand und Kaugummi kauend, neben den Kollegen vorbei ohne, dass ich sie grüsse. Muss auch nicht, durfte mit dem Porsche durch die Kinderstube, bei der Geschwindigkeit bleibt kein Anstand haften. An meinem Arbeitsplatz angekommen, schlürfe ich den Kaffee, den ich noch nicht verschüttet habe, und starte den Computer auf. Anmelden? Nicht ohne einen weiteren Kaffee. Also, wandere ich zur Büro eigenen Kaffeemaschine, solche stehen fast in jeder Abteilung und so lasse ich mir einen gut riechenden Saft raus. Übrigens auf dem Weg zur Kaffeemaschine erfuhr ich von meinen Kollegen alles vom letzten YB-Match und somit diskutiere ich beim gemächlichen Spaziergang zu meinem Arbeitsplatz heftig mit. Interessant, wie viele abwechselnde Meinungen vorhanden waren.
Wieder am Arbeitsplatz angekommen, diesmal mit einem vollen Kaffeebecher, melde ich mich mit meinem Passwort im Computersystem an und checke die Mails. Selbstverständlich die Privaten zuerst, damit ich diese mit den schönen Filmchen und Fotos im Anhang auch gleich weiterleiten kann.
Jetzt zum geschäftlichen Teil. So viele Mails, fast nicht zum Aushalten. Die Spammails dazu nehmen und den Kollegen erzählen, wie krass das ist und wie viel Arbeit das wieder geben wird. Nicht genug gejammert. Die Datei mit der Liste und den Offertanfragen sichten und siehe da, recht viel Arbeit. Liste offen halten, dass ja niemand damit arbeiten kann, nicht einmal der, der damit beauftragt wurde. Also sofort die Jammersäge starten, damit alle hören, was ich zu tun habe. Was ich für ein armes Schwein bin. Noch den Faxeingang kontrollieren, vielleicht ist etwas für mich darunter. Nein, also wieder alle Papiere zurück in den FAX, nur keine Fax verteilen, dies mag ich nicht besonders.
Telefone klingeln wieder alle bei mir, der Rest der «FRIAP – Gruppe (Schlaufe des Telefoneingangs) hat sich abgemeldet weil die Arbeit, die zu erledigen ist so immens ist, dass nicht noch eingehende Anrufe erledigt werden können. Ich möchte ein Gespräch, der intern Angerufene nimmt ab mit «ja» und seinem Vornamen. Steht auch so im «wie treten wir auf». Bin ich jetzt mit dem verbunden den ich eigentlich anrufen wollte? Von der Stimme her könnte es der sein. Bereits ist es Zeit für die nächste Pause. Zwanzig nach neun, ab in die Pause. Sicher ein bisschen früher als halb, sonst sind mir die anderen Mitarbeiter im Treppenhaus im Weg, das will ich vermeiden. Ich will der Erste beim leckeren Kaffee aus dem Automaten sein. Mhhh, der Kaffee schmeckt so was von lecker, so lecker, dass ich gleich in die Lagerhalle zum rauchen muss, damit ich dann doch rechtzeitig wieder am Arbeitsplatz bin. Und schon ist bald Mittag. Ich habe jetzt Hunger.
Schnell die Kollegen fragen, wie es mit essen steht. Hast du was dabei und du und du? Ich nichts, können zum Italiener. Nein mag ich nicht, ich gehe zum Chinesen etwas holen, also ich komme auch. Vor dem Essen, noch schnell zwei Kunden anrufen und mitteilen, dass die Lieferung von Morgen nicht gemacht werden kann, da Material fehlt. Wird erst an die FRIAP geliefert, wenn die offenen Rechnungen bezahlt sind. Nach den Telefonaten ist es Mittag, zum Glück. Eine Mail, mit einer Verrechnungsmeldung. Verrechnen? Wie soll ich das machen? Lieferdatum fehlt, Einstandspreis fehlt. Was soll ich da verrechnen? Ich muss sofort meine Gedanken wechseln. Verrechnen einer Lieferung ohne Einstandspreis? Egal Hauptsache es wissen alle, von der gestrigen besuchten Schulung, was ein Einstandspreis ist, was anfangen damit, ist eine andere Sache. Wird sicher im nächsten Leben besprochen. Nach dem Essen muss ich noch mitteilen, wie viele Kapseln Kaffee für mich zu bestellen sind.
Noch schnell den Verantwortlichen suchen, der gestern an der langweiligen Fragerunde war. Ich hatte frei und konnte meinen Bedarf nicht kundtun. Nachdem ich dem Betreffenden meine Bestellung aufgeben konnte, gönn ich mir doch noch mal ein Käffchen. Nein, nicht schon wieder, keine Rührhilfe und Zucker in meinem Pult, die Kollegen fragen, ob jemand noch was von dem Material braucht. Ab in den Pausenraum und das Fehlende beim Selecta-Automaten holen und meine Schublade wieder auffüllen. Schön, zum Glück füllt die Dame der Firma Selecta den Automaten immer auf, sonst müssten wir den Zucker und Rahm noch selber einkaufen. Immerhin so ist es gratis und wird von der Firma übernommen.
Oh der Wassertank ist leer, immer muss ich das Teil füllen, ärgerlich. Bereits klingelt wieder das Telefon. Ich verstehe fast nichts, denn der Lärmpegel im Büro ist so gross, von den unterschiedlichen Gesprächen und dem lauten Durcheinander. Immer wieder muss ich beim Kunden zurückfragen und verstehe wegen des Lärmpegels immer noch nichts. Ich mache dem Anrufer verständlich, dass die Leitung schlecht ist. Der Anruf wird somit unterbrochen. Er soll später nochmals anrufen, er will etwas von uns! Ich schlendere gemütlich in mein Büro. Er ruft nochmals an. Er will wirklich etwas von uns! Ich höre alles laut und deutlich – perfekt, was jetzt noch zu hören ist, ist das Gelächter und die Partystimmung im hinteren Büro.
Soeben bekomme ich eine Liste mit Leistungen drauf, die angeblich nicht verrechnet wurden. Meine Recherchen haben etwas anderes angezeigt. Es wurden Leistungen verrechnet, jedoch nicht so, wie gelistet. Dies wird mir niemand glauben. Mit der mir gegeben Liste wird nur versucht, den eigenen Garten zu schützen. Ein Kundenanruf mit Reklamation, dass die Liefermenge nicht stimmt. Nein, nicht schon wieder. In der Werkstatt und der Logistik nachgefragt, mit dem Gedanken die Antwort schon zu kennen: «Habt ihr im Innendienst wieder mal die Stückzahl geändert, in der Menge stand nur zwei».
Jetzt gehe ich im GL-Büro schauen, ob ich die Person finde, die ich suche und, die mir vielleicht weiterhelfen kann, bei einem nicht bedeutsamen Problem. An der grossen Dispotafel ist die Person zwar ausgetragen, trotzdem gehe ich auf Nummer sicher, man weiss ja nie und mache mich auf den Weg zu seinem Büro. Siehe da, die Person ist wirklich nicht da. Egal. Ist nicht so wichtig. Wiedermal sind die Büros FRIAP und FEURON unterbesetzt, das Telefon klingelt und klingelt, nur nicht entgegen nehmen, sonst artet dies noch in Arbeit aus.
So jetzt noch eine Baustelle besuchen, um zu sehen, was die eigentlich arbeiten. Gehört zu meiner Einschulung. Unterbesetzung hin oder her, das ist abgemacht. Bevor ich mich auf den Weg mache, noch schnell einen Servicemonteur per Telefon über das vorhergehende, absolut lustige Telefonat informieren und ihm alles wortgetreu berichten, was mir erzählt wurde. Da erfahre ich doch, dass seine Freundin krank ist. Diese Art von Telefonaten mag ich sehr, da ich im ganzen Büro mit dem Headset umherlaufen und die anderen Kollegen mit meinem Stimmvolumen so stören kann. Übrigens, Morgen bekomme ich die Kaffeekapseln.
Am Abend im Bett lasse ich den Tag nochmals an mir vorbeiziehen und rege mich über die nicht getätigten Rückrufe und die Zusammenschisse der Kunden nicht mehr auf.
Ach ja, morgen werde ich beim fahrenden Bäcker ein Sandwich kaufen, da muss ich früh genug in der Halle sein, damit ich das Hupen höre, wenn er kommt. Kein Problem kann mit den Kollegen, die in der Halle rauchen, Kaffee trinken, ein kleines Diskussiönchen führen, selbstverständlich privater Natur.
Hoffentlich hat jemand anders den Drucker aufgefüllt, die x-seitigen Lieferscheine, die doppelt ausgedruckt werden, nur um eine Überspannungsdose zu senden, verschlingen Unmengen von Druckerpapier. Serviecerechnungen sind wieder mal zu stornieren und neu zu erfassen, da einmal mehr die Adresse falsch aufgeschrieben wurde. Egal nichts Neues, kommt immer und immer wieder vor. Und ewig grüsst das Murmeltier. Die Information, dass entsprechende Daten bei Liegenschaftsverwaltungen nötig sind, werden einfach ignoriert, kommt die Info eh von einem der keine Ahnung hat. Es hat keinen Sinn etwas zu sagen, denn glauben tut einem das niemand. Nein, ich weiss, spreche nur mit einer Wand. Das Echo von der Wand ist zu leise, um die klaren Angaben für die Rechnungen zu hören, dies ist mir klar.
Ach ja, jetzt muss ich noch in die Logistik, um nachzufragen, wann das Material geliefert werden kann. Per Mail Fragen wäre vermutlich sinnvoller gewesen, allerdings, kann ich dann keine rauchen und nochmals einen Kaffee trinken.
In dem Betrieb zu arbeiten finde ich schon toll, die neuen Mitarbeiter sind so aufgeschlossen. Sie duzen einem von der ersten Stunde an, obschon das Du nie angeboten wurde und das ist jetzt eben die neue Mentalität von Verbundensein. Und den Ablauf mit dem Käffchen, den nicht unbedingt einzuhaltenden «Öffnungszeiten», kennen die Neuen schon. Dieser Ablauf wird am «Schnuppertag» bereits mitgeteilt.
Diese Geschichte ist zu Ende, gut so, denn übermorgen ist wieder Zügeltag.

 

Diese Geschichte wurde von Stefan Zbinden zur Verfügung gestellt. Merci vielmal.