Der Berner Mattegucker

Nina Stalder, Tänzerin, Choreografin und Pädagogin

Nina Stalder in GraatzugEin Flyer im Briefkasten hat mich auf Nina Stalder aufmerksam gemacht: Dreharbeiten am 5. Juli 2010 für einen Tanzfilm in der Schifflaube und am Bowäger. Die halbe Schifflaube war auf der Gasse, als Tänzerinnen und Tänzer durch die Laube wirbelten. Die Dreharbeiten sind abgeschlossen, was bleibt ist eine Kamera voller Bilder und ein Interview mit der jungen Künstlerin Nina Stalder, Tänzerin und Choreografin.
Seit Februar 2010 wohnt Nina mit ihrem Mann Dominik Gysin, Schauspieler und Moderator, in einer schmucken Dachwohnung an der Schifflaube.
Früher lebten die beiden in einer kleinen Wohnung in der Rathausgasse und sind glücklich nun hier unten in der Matte daheim zu sein.
Die Begrüssung ist herzlich und Nina bereitet mir einen Milchkaffee mit «Schümli» zu, der mir ausgezeichnet schmeckt.
Nina und Dominik sind seit dem 19.09.2009 verheiratet. Neun ist die Lieblingszahl von Nina, die am 9.8.1979 in Bern geboren ist. Ihre Heirat in Zermatt war ein Grossereignis für sie und ihre Freunde.
«Ich wollte eigentlich gar nicht heiraten», erzählt mir Nina locker. «Weisst du, festlegen liegt mir nicht und heiraten war für mich auch so etwas wie festlegen. Aber festlegen heisst nicht festhalten und in langen Gesprächen mit Dominik ist mir klar geworden, dass ich mich binden kann und nach wie vor in mir drin frei bin. Es lohnt sich, sich für den Menschen zu entscheiden, den man liebt», sagt Nina nachdrücklich.
«Wer ist Nina?», frage ich sie ganz direkt.
Die zierliche, quirlige, anmutige Nina schaut mich mit ihren grossen braunen Augen überrascht an. Sie lächelt.
«Ich bin tatsächlich zweiseitig. Ich bin unberechenbar, liebe das Leben und bin ein Genussmensch», sagt sie lachend. «Ich bin aber auch ein stolzer Mensch und manchmal kommt mir das ganz schön in die Quere. Oft möchte ich ein bisschen gelassener sein und Kleinigkeiten können mich sehr beschäftigen. Leider lasse ich manches zu nahe an mich heran und zuweilen bin ich auch pessimistisch. ‚Himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt‘, dies gehört wohl zu mir.»
Nina ist Lehrerin, ausgebildete Tänzerin, Choreografin und zurzeit in der Ausbildung zu Tanzpädagogin an der Hochschule für Künste in Zürich, die sie im 2011 abschliessen wird. Nina gründete zusammen mit Anna-Lena Fröhlich Ende 2009 die Tanzcompagnie «de Rothfils» deren erstes Projekt eben dieser Tanzfilm «Graatzug» in Co-Produktion mit Jan Mühletaler ist.
Seit ihrem vierten Lebensjahr ist das Tanzen der bedeutsamste Bestandteil ihres Lebens. Nach langjähriger Ausbildung in klassischem Ballett am City Ballett Halamka und dem Lehrerdiplom am Lehrerseminar in Bern zog es Nina 2002 weiter nach New York. Dort bildete sie sich während eines Jahres an der berühmten Alvin Ailey School, in Ballet und Modern weiter. Neben der harten Ausbildung fand sie noch die Zeit in der Company der New Yorker Choreografin Nina Buisson mitzutrainieren.
Nina arbeitete u.a.m. als Choreografin und Tänzerin in:
Eigenen Tanztheater Stücken wie Slumberland (Dampfzentrale Bern), My age Symphony (Kornhausforum Bern)
Kurzstücken und Solos fürs Kunstmuseum Bern
Als Tänzerin für die Company T42 (Premiere mit dem neuen Stück «Mukashi Mukashi» im September, Theater Roxy Basel, November Dampfzentrale Bern)
Choreografie und Tanz für die Freilichtoper im botanischen Garten Basel («die verkaufte Braut», «il Modo della luna»)
«Csàrdas Fürstin» (Stadttheater Biel/Solothurn)
Einer Balletttournee durch Tschechien mit dem City Ballet Halamka
und in vielen andern Projekten mit.
Nina hat in den letzten Jahren ihren eigenen Tanzstil entwickelt so sagt sie: «Der künstlerische Ausdruck ist mir auch beim unterrichten wichtig, den dies ist für mich eine Kunstform. Auch in der Choreografie gehören für mich Ausdruck und Technik zusammen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Künstlerische ohne Tanztechnik funktionieren würde.»
Heute unterrichtet Nina an der City Ballett Halamka-Otevrel Erwachsene und bringt Neueinsteigern das Tanzen und Profis den letzten Schliff bei. «Das macht viel Spass und sichert mir ein Einkommen, sodass ich meine eigenen Projekte verwirklichen kann. Weisst du, mir sind die verschiedenen Möglichkeiten wichtig. Tänzerin zu sein bedeutet mir genauso viel wie eine Choreografie zu kreieren und eben auch Unterricht zu geben.» Ninas Augen leuchten. Ihre Wangen glühen. Nina ist Feuer und Leidenschaft aber auch Sensibilität und Kreativität. Nina ist aber auch wilde Zigeunerin und fürsorgliche Köchin, die gerne einen Kuchen backt.
«Das würde wohl wieder stimmen als Löwe mit Aszendent Krebs», wendet sie ein.
Nina ist ein sozialer Mensch und so fühlen sich ihre Mitmenschen geborgen in ihrer Nähe. «Und trotzdem brauche ich viel Zeit für mich, mich zu spüren und mich zu konzentrieren», sagt sie nachdenklich,
«Mich interessieren Menschengeschichten, deshalb sind meine Choreografien nicht abstrakt. Die Geschichten sind humorvoll, skurril, hoffnungsvoll aber auch traurig. Und in meiner Arbeit als Choreografin fliesst die Hoffnung immer ein. Ich setze auch alle vier Elemente ein bei meinen Geschichten.» Wieder flammt Leidenschaft auf, wenn sie erzählt.
«Für mich ist es wichtig, die verschiedenen Körpersprachen wahrzunehmen und aus den Menschen, diejenigen Qualitäten herauszuholen, die wirklich in ihnen stecken. Dies ist es, was mir besonders Spass macht bei meiner Arbeit.»
«Was sind deine Lieblingsstädte? Und wieso?», will ich von Nina wissen.
Wien: «Hier kann ich mir vorstellen zu leben, weil die Gegensätze sichtbar sind. Kulturell bietet Wien viel und die Stimmung zwischen Prunk und Balkan ist in dieser Stadt sehr ausgeprägt.»
Barcelona: «Farbige Stadt, Meer und Märit, Kleider, Mode, Architektur, kunterbunte lebensfrohe Stimmung», sprudelt es aus Nina heraus.
New York: «New York gefällt mir, weil ich dort gelebt habe und mich sehr wohl gefühlt habe. Du gehst am Morgen aus dem Haus und hast keine Ahnung, was geschieht. Für mich ist New York eine Stadt mit vielen Überraschungen.»
Von Wien, Barcelona und New York kommen wir nun in die Matte.
«Ich bin im Marzili aufgewachsen und oft habe ich im Längmuurspielplatz gespielt «Die Matte ist super und es gefällt uns ausgezeichnet hier. Ich bin froh hier leben zu können, denn die Aare war mir schon immer nah. Ist schon toll hier in der Matte. Schau, wenn du hier zum Fenster hinausschaust, dann siehst du die Altstadt, das Münster aber auch die englischen Anlagen.» Nina führt mich durch die Wohnung, die liebevoll mit rustikalen Möbeln eingerichtet ist. Die Wohnung lässt Platz und Raum und da und dort stehen kleine Nippsachen, die Nina an den verschiedenen Flohmärkten zusammen gesucht hat.
«Was mir in Matte fehlt, sind noch mehr Lädelis wie z.B. eine gute Bäckerei oder auch Metzgerei. Einen Blumenladen wäre das grösste für mich. Ich liebe Blumen und Pflanzen», lacht sie.
«Klar haben wir das Mattelädeli, das finde ich gut, manchmal gehe, ich schon ins Lädeli zum Einkaufen aber eigentlich kann ich es mir gar nicht leisten und so muss ich halt öfter in die Stadt zum Lädele», sagt sie augenzwinkernd.
«Und einen Wochenmärit auf dem Mühlenplatz wäre doch auch eine gute Sache – oder?» Wieder schaut sie mich lächelnd an.
Während unseres Gesprächs hat sich ihr Mann Dominik an den Tisch gesetzt. Er hört uns zu, fragt seine Mails auf dem Mac ab. Immer wieder wirft er seiner Frau liebevolle Blicke zu und man spürt, dass die beiden zusammengehören. Sie unterstützen sich gegenseitig in ihren Projekten.
Ich wünsche Nina viel Erfolg für ihre vielen Pläne und für ihr Filmprojekt «Der Graatzug», der hoffentlich viele Menschen begeistern wird.
Herzlichen Dank für das lebendige und persönliche Gespräch.

Rosmarie Bernasconi


Der Film: Der Graatzug

Schauplätze: Schifflaube und Bowäger in der Matte weitere in Bern, im Wallis und auf dem Gletscher im Wallis.
Nina Stalder, die in der Matte wohnt, ist eine der Darstellerinnen aber auch eine, die in diesem Projekt die Fäden in der Hand hält. www.graatzug.ch. Wann der Film erscheinen wird, ist noch nicht ganz klar, sicher aber 2011.

Die armen Seelen, die keine Ruhe finden, ziehen im Graatzug hinauf zu den Firnfeldern zu den Gletschern.
Dort müssen sie dann stehen, im ewigen Eis. Auf immer sagt man.
Idee und Choreografie Nina Stalder und Anna-Lena Fröhlich
Film/Regie Jan Mühletaler (roja-media Productions
Musik Simon Hostetter und Samuel Bauer
Graatzug – ein Tanzfilmprojekt.

Weitere Bilder in der PDF-Ausgabe des Matteguckers, Seite 20