Der Berner Mattegucker

Marianne Schär Moser – Familien- und Berufsfrau

Marianne Schär Moser ist am 12. Februar im Emmental geboren und lebt seit neunzehn Jahren in der Matte.
«Als ich damals mit einer Kollegin im «Schoggihaus», dem mit der verblichenen Schokoladenreklame an der Fassade, einziehen wollte, mussten wir uns beim Besitzer persönlich vorstellen. Und stell dir vor, wir bekamen die Wohnung», sagt sie mit einem Augenzwinkern. «Einige Zeit später zog die Kollegin wieder aus und Ueli, mein Freund, zog ein. 1992 heirateten wir und blieben in dieser Wohnung, obwohl sie eigentlich eng war. Ich hätte mir nicht vorstellen können, wieder aus der Matte weg zu ziehen.

Als dann die beiden Kinder, Michael im 2005 und Daniel im 2007, auf die Welt kamen, wurde es trotz zugemietetem Zimmer ziemlich eng in unseren Räumen. Otto Bär, der Hausbesitzer, rief mich aus den Philippinen an und ich erfuhr, dass die Wohnung direkt neben uns frei würde. Da musste ich nicht lange überlegen und sagte sofort zu. Jetzt haben wir zwei Kinder, zwei Küchen, zwei Badezimmer und haben nun wirklich genug Platz und wir sind froh. Und was ich wirklich genial finde, ist die grosse Terrasse zur Aare hin, da hat sogar ein Sandkasten Platz. Mir gefällt es sehr hier in diesem Quartier. Das haben dir sicher schon viele gesagt», meint sie unvermittelt.

Marianne Schaer

Marianne blickt mich mit ihren wachen Augen aufmerksam an. Manchmal weiss ich nicht, was diese kluge und gescheite Frau denkt. Sie wirkt auf mich unnahbar und doch sehr herzlich. Sie überlegt viel, bevor sie mir antwortet. Ihre Ausdrucksweise ist klar und bestimmt.
«Ich mag aber auch die kleinen Läden und die Sozialstruktur in der Matte. Es ist einfach anders als an andern Orten. Ich gehe gerne im Quartier einkaufen», erzählt sie weiter.

Es ist auch toll, dass Ueli das Büro in der Nähe hat. So können wir mit den Kindern zusammen Mittagessen und sparen und lange Arbeitswege. Daniel und Michael sind jetzt neu in der Matte Kita. Dies vereinfacht vieles, vorher brachte ich die Kinder in die Länggasse.»
Marianne wuchs in einem kleinen Dorf im Emmental auf. Ihr Vater war Käser und gemeinsam führten ihre Eltern den kleinen Käsereiladen.
«Ich liebe Käse über alles, aber so schmackhaften Käse wie mein Vater macht niemand. Leider ist mein Vater vor zwei Jahren gestorben. Ich bin nach wie vor an beiden Orten zu Hause und so gehe ich einmal in der Woche zu meiner Mutter nach Schüpbach. Aber meine Kinder sind Mätteler, denn sie wurden in der Matte geboren», sagt Marianne nicht ohne Stolz.
«Ich mag die Mätteler und kann auf die Menschen unvoreingenommen zugehen, weil ich nicht alle alten Geschichten kenne und gar nicht alle wissen will», sagt sie dezidiert.

«Oft gehe ich mit meinen beiden Buben zum Längmuurspielplatz. Ich rechne diesen schönen, wilden Spielplatz zur Matte und ich finde, dass es diesen Platz unbedingt braucht. Der Gestaltungsfreiraum ist toll und lässt der der Kreativität der Kinder freien Lauf. Eigentlich wäre die Matte kinderfreundlich, weil es ein Zubringerdienst wäre – aber – über diese Frage kann man lange reden und es ist ein altes Thema … und es wird Zeit, dass tatsächlich etwas geändert wird», stellt Marianne sachlich fest. Marianne schaut mich mit ihren wachen, klaren Augen an.
«Es kann doch nicht sein, dass die Kinder nicht alleine auf den Spielplatz können, weil sie durch die Matte «Spiessrutenlaufen» müssen.» Marianne wird leicht ärgerlich.
«Es wäre auch gar nicht so schlecht, wenn es mehr Kinder im Quartier hätte.»
«Ich finde, dass es wieder mehr Kinder hat als auch schon», wende ich ein.
«Da hast schon recht. Auch im «Schoggihaus» hat es noch mehr Kinder», lenkt sie ein.
«In der Nachbarschaft haben wir es sehr gut, das ist mir wichtig. Neulich sagte mein vierjähriger Sohn: «In diesem Haus können gar keine bösen Leute wohnen».
«Wir sind spät Eltern geworden. Es ist für uns gut so, wie es ist und mit den Kindern habe ich im Quartier viel Neues entdeckt. Jetzt wo Michael und Daniel in die Kita Matte gehen, bin ich noch besser im Quartier eingebunden.»
Marianne ist Psychologin FSP, Arbeits- und Organisationspsychologin SGAOP.
«An der Universität Bern habe ich Psychologie und Geschichte studiert. Nach dem Studium war ich dort mehrere Jahre als Forschungsassistentin tätig. Nach fast zehnjähriger Mitarbeit in einem Beratungs- und Forschungsbüro machte ich mich im Herbst 2005 selbstständig.»

Für Marianne ist die Gleichstellung* von Mann und Frau ein wichtiges Thema:
Mann und Frau sind gleichberechtigt. «Es geht nicht darum, Frauen gegen Männer auszuspielen, sondern Lösungen zu suchen, wie die optimalen Ressourcen genutzt werden können. Die gesellschaftliche Situation hat sich verändert. Die individuellen Entscheidungen, wie sie leben wollen, treffen die Paare selber. Was heisst es, wenn eine Frau zehn Jahre nicht arbeitet? Was heisst das auch im Falle einer Scheidung? Diese Frage gilt für Mann und Frau. Es gibt unterschiedliche Lebensmodelle. Es geht einfach darum, dass man sich klar ist, welche Konsequenzen sie haben und dass es für jeden stimmt. Oft ist es notwendig, die optimalen Bedingungen in der Familie immer wieder neu zu finden und jeder hat für das was er tut Verantwortung zu übernehmen. Auch Unternehmungen müssen vermehrt dafür sorgen, dass die Gleichstellung im Erwerbsleben umgesetzt wird.»
«Wo liegt der Schwerpunkt in deiner Tätigkeit?»
«Der Schwerpunkt meiner beruflichen Tätigkeit liegt im Bereich der Gleichstellung von Frau und Mann. Hier verfüge ich über ein breites theoretisches Wissen und einige Erfahrung mit der Umsetzung von Massnahmen in der Praxis. Ich möchte dazu beitragen, dass die tatsächliche Gleichstellung von Frau und Mann Realität wird.»

«Wieso hast du diese Berufsrichtung eingeschlagen?»
«Meine Eltern haben beide im eigenen Betrieb gearbeitet. Das war für mich normal, dass sie beide arbeiten und beide für mich da sind. Und irgendwann habe ich bemerkt, dass es nicht überall selbstverständlich ist, dass Frauen und Männer dieselben Möglichkeiten haben. Das hat mich aufgewühlt, weil ich das selber nie so erlebt habe. Frauen sind weniger gut in Mathematik, sagt man, aber ich habe dieses Fach geliebt. Ich bin nicht diejenige, die auf die Strasse geht, um für etwas zu kämpfen. Hintergrundarbeit und sachliches Argumentieren liegen mir eher. Jeder Mensch hat seine Qualitäten und diese sollen optimal eingesetzt werden, egal ob Mann oder Frau», sagt sie bestimmt.
«Ich hätte Käserin werden können. Mein Vater hätte nie behauptet, dass ich das als Frau nicht machen könnte», dies sagt sie nachdenklich.
Marianne ist eine Frau, die Verantwortung übernimmt für das, was sie tut. «Ich möchte da sein für Menschen, die ich gerne habe und meine Aufgaben erfüllen. Nicht, weil ich muss, sondern weil ich will. Ich habe es gerne harmonisch, kann aber auch mal etwas stehen lassen hartnäckig an eine Sache gehen. Ich habe Grundwerte nach denen ich leben möchte, offen sagen was ich denke und nicht das, was im Hintergrund abläuft. Klarheit ist mir wichtig und ich bin geduldig und mit den Kindern aber auch konsequent. Mir macht es Mühe, wenn ich etwas machen soll, wo ich nicht dahinter stehen kann.

«Was ist dir persönlich wichtig für Matte?»
«Ich schätze die Mischung der Matte. Das Miteinander steht für mich im Zentrum, nicht das Gegeneinander.Es ist auch gut, dass die Matte lebendig bleibt und dass die Durchmischung so ist, wie sie ist. Und natürlich ist es mir ein Anliegen, das alle ihren Platz haben, auch die Kinder. Und dass die Verkehrssituation mehr als unbefriedigend ist, glaube ich, ist allen klar. Ich hoffe, dass sich in dieser Sache demnächst etwas ändern wird. Ich würde es begrüssen, wenn Kinder durch die Matte laufen könnten ohne, dass ich Angst haben muss, dass ihnen etwas zustösst.»

Auch mit Marianne könnte ich noch stundenlang reden. Ihre Art zu reden ist spannend und das, was sie sagt, hat Hand und Fuss. Wir haben noch das fotografieren vor uns. Dies mag sie nicht sonderlich, lässt es aber geduldig über sich ergehen. Herzlichen Dank Marianne für deine Zeit und dein «hinhalten».

Rosmarie Bernasconi

Infos zu Marianne Schär Moser www.schaermoser.ch

*Das Gesetz sorgt für ihre rechtliche und tatsächliche Gleichstellung, vor allem in Familie, Ausbildung und Arbeit. Mann und Frau haben das Recht auf gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit.