Der Berner Mattegucker

Theater in der Matte

Livia Anne Richard ist wie immer in Eile. Das macht nichts; ich habe Livia noch nie anders erlebt. Ich freue mich auf das Interview mit ihr, denn ich empfinde Livia als spannende Frau, die etwas zu sagen hat und der ich gerne zuhöre.

«Ich habe nicht soviel Zeit. Claudia vom Kinderladen wartet noch auf mich», begrüsst sie mich.
«Also komm, dann geben wir Vollgas, aber das ist ja bei dir kein Problem», gebe ich zurück .
«Du erzählst mir einfach möglichst viel, damit ich alles aufschreiben kann.» Livia lacht und schaut mich an. Das Thema ist klar, deshalb muss ich ihr auch keine Würmer zur Nase herausziehen.
Livia Anne Richard wird mit ihren Kollegen am 1.3.2010 mit dem neu gegründeten Theater Matte im Berchtoldhaus einziehen. «Wenn alles klappt, sollte im Herbst 2010 die erste Produktion auf der Mattebühne aufgeführt werden. Was es sein wird, wissen wir noch nicht genau», sagt sie ohne, dass ich gefragt hätte. «Das wolltest du doch auch wissen», sagt sie schelmisch. «Wieso hast du das an meiner Nasenspitze abgelesen?» Wir kichern beide.
«Was wird vor allem im Theater Matte gespielt?»
«In erster Linie werden Berndeutsche Mundartproduktionen gespielt. Es werden Stücke ausgesucht, die berühren, bei denen auch mal das Lachen im Halse stecken bleibt. Es kann ganz gut sein, dass ebenfalls ein Stück, das auf dem Gurten gespielt wurde, auf die Theaterbühne Matte gebracht wird, je nach Nachfrage. Das wissen wir jetzt noch nicht genau. Es ist eine Idee und wie es sich entwickelt, wird sich zeigen.»
«Also, anders herum gefragt: Was für Produktionen wirst du nicht machen?»
«Schenkelklopfklamotten!» Das kommt so spontan, dass ich zweimal nach dem Wort fragen muss.
«Das sind für mich Verwechslungskomödien. Türe auf, Türe zu, Türe auf, Türe zu. Billige, voraussehbare Pointen. Nicht, dass ich etwas gegen diese Art von Theater habe, aber die kann, wer will, im Fernsehen schauen. Ich möchte mich nicht in eine Schublade drängen lassen. Ich weiss einfach, dass ich Stücke wählen werde, die nicht einfach «leer» sind. Ich wähle aber auch keine superintellektuellen Experimentalstücke, in denen sich der Zuschauer blöd vorkommt, weil er am Ende nicht versteht, worum es geht. Es soll gehaltvoll, tiefsinnig und nie doof sein.» Livia redet sich in Fahrt und man spürt ihre Leidenschaft fürs Theater und für das neue Abenteuer, in der Matte ein Theater zu betreiben.
«Klar werde ich auch Stücke suchen oder schreiben, die einen Aktualitätsbezug haben. So kann es ein, dass neue Medien durchaus ein Thema sein werden. Das Internet mit den vielen Chaträumen gäbe wohl ein abendfüllendes Programm. Es dürfen auch Themen sein wie «Ewig schlank bleiben, ewig jung bleiben» oder ein Stück über das Alter. Es gibt viele Themen, die ich in Angriff nehmen kann.»
«Was gebt ihr euch für eine Chance mit dem Theater Matte?»

«Wir haben das Gefühl, dass wir mit berndeutschen Stücken einem Bedürfnis entsprechen. Professionelles berndeutsches Theater fehlt in Bern! Die Leute kennen uns und wissen auch wie wir arbeiten. Dies dürfte ein grosser Vorteil für uns sein. Wir glauben an das, was wir machen und alles ist Herzblut. Leidenschaft.
«Das Theater Matte wird als Verein gegründet, denn wir erhalten zur Zeit noch keine Subventionen. Wir bemühen uns aber darum. Wir haben kein Geld vom Theater Gurten, denn dieses Geld bleibt im Theater Gurten für die nächste Produktion reserviert. Genauso möchten wir das auch im Theater Matte handhaben, damit die Finanzen klar getrennt sind. Wir beginnen hier in der Matte mit Null und möchten natürlich immer wieder ausreichend Geld haben, damit wir eine nächste Produktion sicherstellen können. Dies wird nicht ganz einfach sein. Aber wir glauben an unseren Erfolg, denn sonst dürften wir das gar nicht anfangen. Es ist auch toll, dass wir in diesem schönen Quartier arbeiten dürfen.»

Wer ist Livia Anne Richard?

«Das frage ich mich auch! Ich fühle mich jeden Tag etwas anders – Die Livia ist durchlässig. Ich kann nicht «smalltalken» mit jemandem, der mir auf den Wecker geht. Wenn jemand in meinem Herzen Platz gefunden hat, dann bleibt er auch dort. Manchmal bin ich eine Wildsau. Gleichzeitig habe ich viele Radärli». Manchmal weiss ich nicht, wo ich beginne und wo ich aufhöre. Als Fischgeborene ist das offenbar ein Grundthema und nicht immer leicht zu leben. Meine Sensibilität kann ich glücklicherweise auch im Theater ausleben. »

Ann Livia Richard
Livia kann Vieles und sie steht dazu, dass sie Vieles nicht kann. Das macht sie so anziehend und auch so lebendig. «Rechnen kann ich nicht. Zahlen haben Farben für mich», fährt sie weiter. «Ich kann nicht sagen, ob ein Budget gut oder schlecht ist. Ich kann es eher in Farben begründen und einteilen. Und spüre, wenn etwas faul ist. Ich bin froh, dass es Zahlenmenschen gibt, die klar sagen können, ob ein Budget «verhebet» oder eben nicht.»

Livia als Regisseurin

«In meiner Arbeit als Regisseurin bin ich fordernd gegenüber den Schauspielern. Ich kann mit einem Stück zerfliessen und wenn es um die Sache geht, setze ich mich 100% ein. Ich bin keine Regisseurin, die Macht haben will. Klar, will ich führen und das muss ich auch. Hat der Spieler eine andere Idee oder will er etwas nicht machen, suchen wir gemeinsam nach Lösungen. Ich bin immer wieder bereit der Lösung willen einen Gedanken oder eine Szene über den Haufen zu werfen. Die Regie hat vorgefasste Bilder. Oder noch schlimmer: Ich habe eine Szene geschrieben, die sich einfach nicht umsetzen lässt, dann bin ich auf die Spieler angewiesen, damit ein Gedanke, eine Szene, ein Einfall gespielt werden kann.
Ich lache viel und gerne auch bei meiner Arbeit. Dies macht es einfacher im Leben und es macht auch viel mehr Spass so zu arbeiten. Ich kann viel über mich - über «Livia» lachen.
Wenn Livia über Livia spricht sagt sie schon mal «Die Richard hat das und das …» Das sprechen in der dritten Person ermöglicht ihr wohl, die nötige Distanz zu sich, vor allem dann wenn sie als Regisseurin und Autorin arbeitet. So kann sie sich auch besser abgrenzen.

Was ist dein Bezug zur Matte?

Matte ist für mich jedes Mal ein Heimkommen. Als Wasserwesen fühle ich mich am Wasser natürlich wohl. Für mich ist die Matte der perfekte Mix zwischen Stadt und Land. Es ist urban und trotzdem scheint sich hier jeder zu kennen wie in einem Dorf. Das sagt dir sicher jeder und jede», wendet sie unvermittelt ein bevor sie fortfährt: «Schon als Kind bin ich gerne in die Matte gekommen oder bin der Aare entlang marschiert. Oft spazierte ich in meiner Kindheit durch die Matte, um mit dem Marzilibähnli in die Stadt hoch zu fahren. So freue ich mich sehr, dass wir nun in der Matte «unser» Theater eröffnen können.»
«Was würde passieren, wenn das Hochwasser kommt?» Das Theater Matte ist der tiefste Punkt in der Matte.
«Jeder Gönner kann einen Sandsack spenden …» Dies kommt so plötzlich, dass ich lachen muss. «Dies ist aber eigentlich sehr philosophisch», sage ich.
«Das Leben ist grundsätzlich lebensgefährlich und in der Matte ist es halt schöner und «nässer» lebensgefährlich. Das muss man wissen, wenn man in die Matte kommt, dass die Aare nahe ist, dass die Dame mächtig ist und wir neben ihr nur kleine Würstchen sind. In unserem Fall Theaterwürstchen.
«Ich denke, wer in die Matte kommt, muss wirklich mit dem Risiko Hochwasser leben, dies ist mir sehr bewusst. Ich bin jemand der sehr risikobereit ist und die Zeit, die ich auf der Erde bin, will ich leben. Wenn wir jedes Mal dran denken würde, was wäre wenn das Wasser kommen würde. Nein, dann dürften wir tatsächlich nicht mit dem Theater in die Matte ziehen.»
Livia lebt mit Elia, ihrem sechsjährigen Sohn, in Wabern zwischen Gurten und Matte – ein idealer Ort zwischen Privat und Arbeit.
«Was erwartest du von den Mattebewohnern?»
«Ich bin froh, wenn sie uns sagen, wenn ihnen etwas nicht passt. Wir von unserer Seite aus sind transparent und offen. In Gesprächen können Probleme viel besser gelöst werden, als wenn jemand die Faust im Sack macht.

Im September 2010 wird ein Tag der offenen Tür stattfinden und dann wird es auch eine erste öffentliche Probe geben zu der sich Mätteler und Mättelerinnen anmelden können. Der Eintritt wird frei sein.

Die Zeit ist um. Wir haben uns beide ins Feuer geredet, da die Zeit so schnell vorbei ist. Livia verabschiedet sich und ich freue mich auf das Theater in der Matte. Und Livia freut sich auf den Apéro mit Claudia.
Was im Theater Matte gespielt wird, werden Sie bestimmt im nächsten Mattegucker lesen können.

Und im Theater Gurten wird gespielt:
«Einstein» – Uraufführung von Livia Anne Richard
Premiere: 24. Juli 2010
Infos: www.theatergurten.ch


Im Mattegucker Nr. 5 April 2010 werden mehr Infos zum Programm des Theater Matte bekannt gegeben und weitere Mitglieder vorgestellt.

Rosmarie Bernasconi