Der Berner Mattegucker

Weihnachten fällt aus

Doris Bussmann«Ich hasse Weihnachten!», sagte Joe.
Eigentlich hiess er Josef. Aber seit er in der zweiten Klasse das Weihnachtsspiel aufführen musste, durfte ihn niemand mehr so nennen. Inzwischen war er schon gross – vergangene Woche war es ein Meter 55 gewesen – und wollte von dem ganzen Glimmer- und Liederquatsch nichts mehr wissen.
«Jedes Jahr derselbe Mist!», rief er aus. «Geschenke basteln und das ganze Taschengeld für andere ausgeben. Klavier üben und immer wieder die gleichen öden Songs im Radio. Mann, das macht mich echt krank!»
«Du hast ja recht», brummte der Vater, «ich habe auch nicht gerade grosse Lust auf den Einkaufsrummel. Seit Anfang November verkaufen sie schon überall Schokolade und Christbaumschmuck. Von mir aus könnte man Weihnachten ausfallen lassen.»
«Oh yes! Das wäre stark!» Hoffnungsvoll schaute Joe seine Mutter an, die ein nachdenkliches Gesicht machte.
«Nun ja, ich weiss nicht recht. Wir haben doch immer ... Ich meine, das Essen, die gemütliche Stimmung ...»
«Gemütlich? Jedes Jahr dieselben Diskussionen! Zu viele Geschenke, zu wenige Geschenke, zu teure Geschenke, nutzlose Geschenke. Und dann in heller Eintracht: Stille Nacht, heilige Nacht! Und nur der Owi lacht», fiel ihr Marianne in den Rücken. Sie hoffte jedes Jahr, nicht mehr dabei sein zu müssen und hatte sich vorgenommen, diesmal mit ihren achtzehn Jahren an Heiligabend das Weite bzw. ihren Freund zu suchen.
«Ja, gemütlich!», rief die Mutter gekränkt. «Ich gebe mir immer solche Mühe. Und Oma kommt doch.»
«Das ist es ja», warf der Vater ein, «gegen meine Mutter ist an Weihnachten kein Kraut gewachsen.»
«Dann streiken wir eben diesmal.» Joe sah seine Chance. «Drei zu eins, Mama!»
«Na gut, wenn ihr meint», gab sich die Mutter geschlagen. «Wenn ich mir das nämlich richtig überlege... Kein Einkaufsstress, keine Kocherei, keine Tannnadeln und Wachsflecke im Teppich. Weihnachten fällt dieses Jahr aus. So sei es. Amen.»
Die Tage verstrichen. Joe genoss seine Freizeit mit der Play-Station. Aus dem Fenster der Nachbarn tönte das Klavier. «Süsser die Glocken nie klingen», grinste er und spielte zum tausendsten Mal seine Games. Ich könnte mal ein Neues brauchen, dachte er.
In der Schule assen die Kollegen frische Weihnachtsplätzchen. Joe ass sein Sandwich. Mandarinen haben nichts mit dem Weihnachtsmann zu tun, sagte er sich und schnappte sich eine. Doch so ganz wohl war ihm nicht dabei.
Ein Fenster nach dam andern im Quartier begann bunt zu leuchten, bei Joes Familie leuchtete nur der Fernseher. Weihnachtsmänner flitzten über den amerikanischen Filmhimmel und brachten Joe mit ihrem «Ho ho!» zum Lachen. Aber Marianne zappte weg: «Das ist nichts für uns, dieses Jahr gibt’s Krimis und Action.»
Am 24. feierten sie in der Schule mit Frühstück und Kerzenlicht. Der Lehrer las eine Geschichte von irgendeinem Kind, das ein rührseliges Erlebnis hatte, und Joe dachte, dass er an diesem Abend früh zu Bett gehen wollte. Irgendwie hatte er keine Lust auf einen normalen Fernsehabend.
«Kommst du mit zum Weihnachtsmarkt? Ich gehe Kerzen ziehen», fragte Salome, seine Pultnachbarin. Joe bekam Herzklopfen. Wie lange hatte er überlegt, wie er es anstellen könnte, etwas mit Salome zu unternehmen, ohne vor der ganzen Klasse dumm dazustehen, wenn sie ihn abwies. Und nun fragte sie ihn! Aber Weihnachtsmarkt – und Kerzen ziehen! Ausgerechnet. Mit rotem Kopf stammelte er:
«Ich weiss nicht, eigentlich gerne, aber ...»
«Du musst nicht. War ja nur ne Frage.» Salome klang enttäuscht. Oder bildete er sich das nur ein? Was war er nur für ein Trottel!
«Doch, ich glaube, es lässt sich einrichten», schummelte er sich aus der Situation heraus. «Um drei?»
Die Stimmung auf dem Weihnachtsmarkt war wundervoll. Der süsse Duft von Lebkuchen und Rumpunsch mischte sich mit demjenigen von Duftkerzen und Räucherstäbchen, Rauch-würsten und Käsekuchen. Handwerk und Dekorationen, Bücher, Seifen, Spiele, Glaswaren ... Oh, dort war genau so ein Schirm, wie der, welchen Mama letztes Jahr verloren hatte. Drei Monate hatte sie deswegen herumgejammert. Joe kaufte ihn. Und für Papa eine CD von Deep Purple. Joe hatte mal gehört, dass dies seine Lieblingsplatte gewesen war, aber der alte Plattenspieler war kaputt. Nun fehlten noch Oma und Marianne. Für sie machte Joe Kerzen. Und die dritte wurde ganz besonders schön. Er war lange nicht mehr so zufrieden gewesen.
«Ha! Was machst du denn hier?» Marianne stand mit einer dampfenden Tasse Rumpunsch hinter ihm. Etwas verlegen grinste er sie an.
«Und du?»
«Ach, ich hatte nur kalt. Einkäufe?» Sie wies mit dem Kinn auf die volle Tüte, aus welcher der Schirm ragte.
Joe wollte gerade etwas erwidern, statt dessen packte er seine Schwester am Arm und zerrte sie hinter die Süssigkeitenbude. «Mist! Da ist Papa!»
«He, seid ihr bekloppt?» Salome verstand überhaupt nichts. Sie folgte den beiden und blickte drein wie ein einziges Fragezeichen. Etwas betreten berichteten sie von ihrem Weihnachtsboykott.
«Moment», sagte darauf Salome und verschwand in der Menge.
Nach etwa zehn Minuten kam sie zurück.
«Also: Das Duft-Badeöl ist wohl für eure Mutter. Der Hut hoffentlich nicht. Wie einem so was gefallen kann, weiss ich auch nicht. Aber eine coole ... oh, nein, das sage ich besser nicht.» Salome kicherte in ihren dicken Schal hinein und rieb sich die Finger.
«Wovon sprichst du?», fragte Joe.
«Von eurem Vater. Er hat eingekauft.»
Marianne und Joe sahen sich an, dann prusteten sie los. Lachend und scherzend machten sie sich auf den Heimweg. Das konnte ja lustig werden. Wie sollten sie das Mama beibringen?
 Salome hatte sich bei der Bushaltestelle verabschiedet. Joe und Marianne gingen schweigend die letzten paar Meter nach Hause. Aber was war das? Auf der Treppe duftete es schon irgendwie vertraut. Und war das nicht der Wagen von Oma? Joe schämte sich ein bisschen. Aber er musste zugeben, dass er sich freute. Als er beim Eintreten den warm flackernden Schein im Wohnzimmer sah, hüpfte ihm das Herz. Rasch schlich er die Treppe hoch in sein Zimmer und wickelte eilig von seinem Bucheinbandpapier um die Geschenke. Das musste reichen. Dann ging er möglichst scheinheilig nach unten, wo Oma wie immer andächtig vor dem geschmückten Bäumchen sass.
«Na, das wird ja aber auch Zeit, Junge!», stichelte sie. «Ich dachte schon, ich muss alleine feiern!» Und dann kam die verhasste Umarmung, dass Joe die Luft wegblieb. Aber komisch, er genoss sogar das.
«Wo ist Mama?», fragte er um sich blickend.
«In der Küche, wo denn sonst?», sagte Oma, «Oder denkst du, dein Vater kocht das Weihnachtsessen?»
«Warum eigentlich nicht?», tönte es von der Türe her. Papa legte einige Pakete unter den Baum und verschwand in der Küche. Joe ergriff die Gelegenheit, um auch seine Sachen hinzulegen. Zwanzig Päckchen zählte er. Marianne war schneller gewesen.
Da rief Mama zum Essen und Papa trug stolz eine Schüssel mit gebratenem Truthahn herein, als hätte er ihn selbst erlegt, gerupft und zubereitet. Mama zwinkerte Joe zu.
Der Abend verlief wie jedes Jahr, nur dass diesmal das Klavierspiel ausfiel. Keiner verlor ein Wort über ihre missachtete Abmachung. Die Geschenke fand diesmal niemand zu teuer oder zu übertrieben. Sie waren spontan und von Herzen, ehrlich und aus dem inneren Bedürfnis heraus, den andern eine Freude zu bereiten.

Am gleichen Abend noch legte Joe Salome die schöne Kerze aufs Fensterbrett.

Doris Bussmann


 

Ich bin vor 45 Jahren in Bern-Bümpliz geboren und besuchte dort Primar- und Sekundarschule. Nach der Lehrerausbildung im Seminar Muristalden arbeitete ich wenige Jahre als Lehrerin im Oberaargau, bevor ich im Kanton Solothurn heiratete und drei Töchter bekam. Ihr Schuleintritt war auch meine Rückkehr ins Klassenzimmer. Daneben machte ich eine Schriftsteller-Fernausbildung.
Bald zog es mich mit meinen Kindern zurück in den Heimatkanton, ins Oberland, wo ich seit zehn Jahren unterrichtete, für das Thuner Tagblatt schrieb und eine Coaching-Ausbildung machte.
Heute wohne ich mit meinem Partner, der einen kleinen Laden in der Münstergasse eröffnet hat, und der jüngsten Tochter in Bern und pendle ins schöne Kandertal zu meiner 4.-6. Klasse. Zudem biete ich Coaching an und spiele in einer Mundartband Keyboard. Mein grösster Wunsch ist jedoch, irgendwann die spannende Geschichte meiner Vorfahren in Romanform zu bringen.
Doris Bussmann-von Wurstemberger
http://www.typ-o-logisch.blogspot.com/