Der Berner Mattegucker

Spaziergang durch die Matte

Zum 11.11.2011 gönne ich mir etwas Besonderes: ich besuche einige Orte in der Matte, um mich innerlich mit ihnen zu unterhalten, mit ganz alteingesessenen Mättelern sozusagen.
Es ist Mittagszeit und kaum jemand draussen. Ich komme vom Läuferplatz her. Ich nehme ich auf unsichtbarer Ebene wahr, wie ich in einen neuen Raum eintrete. Nach ein paar Schritten fühle ich mich von buntem, munterem Treiben umgeben. Auf meinem inneren Bildschirm sehe ich emsige, geschäftige Menschen gehen und kommen, einander grüssen, ein paar Worte zu rufen, weiter eilen, zufrieden und gut gelaunt ihren Beschäftigungen nach gehen.
Ich lasse mich treiben und lande an der Gerberngasse stadtseitig im Hinterhof. Hoch thront die Stadt, ein kleiner Spielplatz ist hier eingerichtet und ganz hinten beim Dachdecker wächst ein kleiner Baum. Mit dem Rücken zu ihm, mit Blick auf die Birke und die hoch aufragenden Pappeln, die in ihrer Herbstpracht golden leuchten, bleibe ich stehen. Als erstes spüre ich, wie meine Unterarme dick werden – wie muskelbepackt. Nanu, was ist das oder wer bist du? Eine tänzelnde, spielerisch in die Luft boxende, kräftige Gestalt mit munterem Blick taucht vor meinem inneren Auge auf: ‚Komm schon, ich will mich mit dir messen, ich will meine und deine Kraft spüren, zeig, was du kannst! Ich liebe es, meine Geschicktheit und Beweglichkeit zu erleben – fordere mich heraus, gib alles – ich gebe auch alles – sich zusammen raufen – das gefällt mir! Wo nötig, bin ich da und packe an.’ Ich spüre seine Freude und Stolz an dem, worin er stark ist. Er nickt mir freundlich zu.
MühlenplatzDer nächste Ort, bei dem ich länger verweile, ist die dicke Kastanie mit der Steinbank rund herum auf dem Mühlenplatz. Ich setze mich auf die Bank, schliesse die Augen. Ein Gefühl auf den Lippen wie schmecken. Der Raum hier rund, sitze wie in einer etwas abgeflachten Kugel. Warmes Gelborange hüllt mich ein. Gutmütigkeit. Aber, das sieht verdächtig nach – ich habe mich doch erst gerade an einem Gedicht von einer Ingwer-Kürbisrahmsuppe gewärmt – bist Du das Kürbiswesen? Ein vergnügtes Kichern antwortet. Luuscheibli seid ihr – zeigt mir die Kastanie oder den Ort! Ich fühle mich nach wie vor in einem runden, aber nicht mehr abgeschlossenen Raum. Ein leichtfüssiges Wesen hüpft, schlägt einen Rückwärtssalto, hüpft, schlägt Salto, in immer gleichem Rhythmus. Was ist hier? Für einen kurzen Moment spüre ich, wie mein Blut aus dem Bauch zum Herzen hoch gedrückt wird – eine überraschende Empfindung. Ist das das Herz der Matte? Jetzt hüpft der kleine Artist immer höher und höher, wie auf einem Trampolin. Ich realisiere, dass er damit meine Aufmerksamkeit auf einen übergeordneten, strahlend hellen Raum lenkt, in dem ein graziles, überirdisches Wesen hoch hinauf ragt und die ganze Matte zu überwölben scheint. Auch dieses Wesen ist in Bewegung und zeigt sich mir im Bild einer Tänzerin, die sich auf die Spitze hebt, um ihre Achse wirbelt, die Drehung abrupt stoppt, indem sie das rechte Bein heraus- und den Fuss auf den Boden stellt, bis sich ihr hoch fliegender Rock spiralig gesenkt hat, während sich die entstandene Energie rundum verteilt. Ich fühle ihr beglücktes Lächeln, ihre stille Freude an ihrem Können, ihre Hingabe an diesen einfachen, hohe Konzentration erfordernden Tanz von zauberhafter Ausstrahlung, die ich noch eine Weile geniesse.
Weiterbummelnd nähere ich mich der Ecke Schifflaube-Badgasse. Zum letzten Mal auf meinem Spaziergang bleibe ich kurz stehen. Ein stämmiger Bursche hält hier Wache. Er schaut die Vorbeigehenden interessiert und offen an, lüpft den Hut und grüsst freundlich. Die Leute grüssen ihn auch, er geniesst ihr Vertrauen, sie fühlen sich gut beschützt. Ich verabschiede mich von ihm und von der Matte, danke allen für ihre Bereitschaft, mir Einblick zu geben, auch dem Segensengel beim Untertor, der Birke, die mich in ihrem Goldregen ruhen liess, und anderen, die hier nicht zur Sprache gekommen sind.
Auch Rosmarie danke ich für den Impuls zu diesem Bericht. Sie hat sich etwas zu 2011 – 2012 gewünscht. Ob es wohl auch klappt, wenn ich mich auf eine Jahrzahl intuitiv einlasse?
2011 – alles drängt nach aussen, überall stossen Spitzen frech hervor, die Kraft des Frühlings, die erstarrten Boden aufbricht. Freudige Unruhe, bevor es richtig losgeht, Lust auf Neues, Impulse setzen und erhalten, Ideenfeuerwerk. Ungestüme, zappelige, hüpfende Energie, die raus will, Grenzen sprengen – einfach aufbrechen, heiter, sorglos, gedankenlos. Zurückgehalten werden ruft Ärger und damit vermehrt Stosskraft hervor.
2012 – nach innen sinken, in die Tiefen abtauchen, sich unendlich weiten in alle Richtungen, Empfindung breitet sich aus bis in Finger- und Zehenspitzen, sich gemächlich treiben und überraschen lassen, von dem was wird und was einem begegnet, reines Sein, sanftes Summen. Kraft tanken und abwarten, welche Impulse fruchtbar werden und sich entwickeln. Nicht mehr tun ist angesagt, sondern gedeihen lassen.
Beispiel für einen 2011-Impuls: ich wurde angefragt, einen Text des spirituellen Lehrers O.M. Aïvanhov auf Berndeutsch zu übersetzen. «Ds Gheimnis vom Glück» ist gratis im Buchladen Einfach Lesen erhältlich!

Pierrette Hurni, www.pierrettehurni.ch