Der Berner Mattegucker

Das Strassenmagazin Surprise und sein Verkäufer in der Matte

Das Strassenmagazin Surprise und sein Verkäufer in der Matte

Res Ammann, SurpriseDer «fliegende» Verkäufer Res baut das Matte-Quartier regelmässig in seine Tour ein. Ein fixer Standort ist nichts für den Surprise-Verkäufer, deshalb bekam er sehr rasch den Job als «Flüger», als er vor gut sechs Jahren anfing, das Strassenmagazin zu verkaufen. Der 56-Jährige ist gerne unterwegs, und das nicht nur beim Heftverkauf – das vorige Geld aus den Surprise-Verkäufen und seiner Teilrente investiert er am liebsten ins Reisen.
Fast täglich dreht Res seine Runden in der unteren und oberen Altstadt, verkauft das Heft in den Beizen, in denen er die Erlaubnis hat dafür. Alle zwei bis drei Wochen baut er das Matte-Quartier in seine Tour ein und besucht unter anderem den Ligu Lehm, das Fischerstübli und die Broncos-Loge. Das Quartier gefällt ihm sehr: «Fände ich hier etwas, würde ich sofort von Buchsi hierher ziehen. Ich finde es hier zfriede u gmüetlech.» Vor einem möglichen Hochwasser fürchtet er sich nicht: «Das ist doch gäbig, dann kann man in der Stube schwimmen», witzelt Res, der noch nicht in der Matte wohnt!
Surprise verkauft Res nach Lust und Laune: «Ich geniesse diese Freiheit und möchte nie mehr in eine Bude, also in einen Betrieb zurück.» Er weiss, von was er spricht, denn vor Surprise hat er in verschiedenen Buden gearbeitet: «Bäcker-Konditor habe ich gelernt und auf dem Beruf noch ein paar Jahre gearbeitet. Danach war ich 18 Jahre in der Industrie. Bei einem Stahl- und Metallteilehändler hab ich Material für den Warenausgang zugeschnitten und ‹gerüstet›, wie man sagt.» Danach stand Res fast sechs Jahre im Bären Buchsi in der Abwaschküche. Bis ihm die allabendliche Abwascherei endgültig verleidet war, und er zu Surprise wechselte.
Mittlerweile ist Res ein stadtbekannter Verkäufer mit einem grossen Kundenstamm. Erscheint das neue Heft, beliefert er immer als erstes seine Stammkunden: «Zu meinen Kunden gehören Coiffeure, Apotheker, eine Frau auf dem Polizeiposten am Waisenhausplatz, viele Märit-Fahrer, mein Hausarzt und natürlich verschiedene Restaurants oder Take-aways.» Wenn er diese Auslieferungen erledigt hat, dreht er seine anderen Runden. Beim Verkaufen wird er oft von seinem Gefühl geleitet, das ihm sagt, wo es interessierte Kundschaft gibt. Gleichzeitig schnappt er auf seinen Touren auch auf, wo etwas los ist. Man trifft Res daher am Flüchtlingsfest auf dem Bundesplatz an, an einer Geschäftseröffnung, am Quartierfest und so weiter.
Das Strassenmagazin Surprise ist eine von weltweit 118 Strassenzeitungen.
Das Strassenmagazin Surprise bietet Menschen in sozialen und finanziellen Schwierigkeiten seit 1997 eine Hilfe zur Selbsthilfe. Heute verkaufen rund 200 Menschen in der Deutschschweiz das von einer professionellen Redaktion verfasste Heft. Davon sind im Kanton Bern zwischen 50 und 60 Verkäuferinnen und Verkäufer aktiv, und zwar von Spiez bis Langenthal und von Biel bis Burgdorf.

Die Auflage beträgt 15‘000 Stück. Gelesen wird Surprise jedoch von weit mehr Menschen: Gemäss Werbemedienforschung (WEMF) sind es ca. 120‘000 Leserinnen und Leser, die alle vierzehn Tage die neue Surprise-Ausgabe lesen. Neben der Verdienstmöglichkeit schätzen die Verkäuferinnen und Verkäufer auch die Gelegenheit, mit Leuten in Kontakt zu treten sowie eine gewisse Tagesstruktur zu haben.
Wenig bekannt ist, dass es auf der ganzen Welt derzeit 118 Strassenzeitungen in 40 Ländern gibt. Organisiert sind diese im International Network of Street Papers (INSP), bei dem Surprise ebenfalls Mitglied ist.
Isabell Mosimann

Ausführlichere Informationen zum Strassenmagazin Surprise und seine weiteren Aktivitäten, wie der Strassenchor oder Strassenfussball, sowie das INSP sind zu finden auf:
www.strassenmagazin.ch. Finanziert wird Surprise übrigens mit dem Erlös aus dem Heft- und Inserateverkauf sowie mit Spendengeldern. Zurzeit läuft eine Sammelaktion für Weihnachtsgeschenke. Die Verkäuferinnen und Verkäufer von Surprise sollen eine Wertschätzung und eine Anerkennung erhalten dafür, dass sie das ganze Jahr über bei Wind und Wetter draussen stehen – oder gehen wie Res Ammann!


 

Postkonto des Strassenmagazins Surprise:
12-551455-3, Vermerk: Weihnachten.
Apropos Weihnachten: Am Montag, 12. Dezember öffnet das Surprise-Büro Bern von 17 bis 20 Uhr seine Türen und sein Adventsfenster für alle, am Pappelweg 21 in der Lorraine.