Der Berner Mattegucker

Herr Cheng und die Krähe

Peter Maibach

An manchen Tagen
führt mein Heimweg über die Münsterplattform, wenn ich nicht der Aare entlang in die
Matte spazieren mag.
 An diesem Tag wählte ich den bequemeren
 Weg durch die Oberstadt mit dem 12er Bus
 und bummelte durch den beliebten Park beim Münster, um dann mit
 dem Lift in die Matte hinunter zu fahren. Gerade wollte ich bei Pavillon abbiegen, da sah ich den Fremden beim Café stehen. Nicht Aussergewöhnliches für Bern, werden Sie sagen. Zu Recht. Touristen von überall her zieht es in die Altstadt und auf die Münsterplattform.
 Darunter gibt es auch recht aussergewöhnliche Gestalten. Verstehen Sie mich nicht falsch, bitte. Ich will mich da nicht ausnehmen. Im Ausland bin ich genau derselbe komische Tourist, auch wenn ich mich noch so diskret gebe. Ich bin bestimmt genauso auffällig wie die asiatischen Besucherinnen, die im prallen Sonnenschein den Regenschirm aufspannen. Oder die Inder, die im Sommer mit wattierten Jacken unterwegs sind. 
Doch Herr Cheng war anders. Allerdings, ich kenne seinen richtigen Namen nicht. Einer der unzähligen Bernbesucher halt. Für mich nannte ich ihn Herrn Cheng. Er war mittelgross und hatte zerzauste graue Haare, die wirr in alle Richtungen zeigten und ihm in die Stirne fielen. Er war nicht mehr jung, aber auch noch nicht alt. Sein Gesicht war glatt, dunkel gegerbt. Trug er asiatische Züge? Wohl deshalb nannte ich ihn bei mir Cheng. Aber asiatisch war eigentlich auch nicht zutreffend, denn je mehr ich mich ihm näherte, desto mehr schienen sich Herrn Chengs Gesichtszüge zu verändern. War er aus dem Osten, war er aus dem Balkan? Er würde aber auch nach Schottland passen oder auf eine Alp, oder nach überall hin. Herr Cheng war dunkel gekleidet, gute Qualität, gekonnt nachlässig zusammengestellt. Mir fielen seine grossen, schwarzen, blitzblank polierten Schuhe auf. Zudem trug einen weiten, schwarzen Regenmantel, der so gar nicht zur milden Jahreszeit passen wollte.


Er schien so hilflos und verwirrt, dass ich auf Herrn Cheng zuging. Etwas zog mich zu ihm hin, wie mir später auffiel. «May I help you?»fragte ich. Herr Cheng schaute mich verwundert an, als ob er an diesem Ort keine anderen Menschen erwartet hätte.


«Sprechen Sie auch Deutsch?», antwortete Herr Cheng in einem seltsam gefärbten Deutsch, das langsam daherkam, in die Breite zu wachsen schien, wie wenn Zeit und Rhythmus keine Bedeutung hätten. Ein warm gefärbter Klingklang, leise, sanft wie über Filz rollende Billardkugeln.


«Benötigen Sie Unterstützung?Ich bin von hier», pries ich meine Hilfe an.


«Oh, Sie sind von hier, wie überraschend», antwortete Herr Cheng in seinem Klingklang.


Versuchte er, witzig zu sein, überlegte ich? Ich lächelte freundlich.


«Wohin gelangen wir, wenn wir diesen Aufzug benutzen?»


Ich wollte gerade meinen Touristen-Vers zur Matte aufsagen. Ich werde oft gefragt, wo man mit dem Lift hinkomme, wo der Bärengraben sei, wo das Löwen- denkmal und ob das Nüni-Tram bis Zermatt fahre – lauter solche Sachen. Leute, die mit ihren Reiseführern nicht klarkommen und ein seltsames Bild der Schwei- zer Geographie haben.


Herr Cheng fasste mich beim Arm, etwas das ich ei- gentlich nicht mag, und zog mich Richtung Matte-Lift. Ungeduldig, wie ein Kind, dem alles zu wenig schnell geht, drückte er mehrmals den Knopf. Ich wollte den Arm wegziehen, doch dann musste ich grinsen.


«Der Lift ist unterwegs!», erklärte ich.


Herr Cheng lächelte: «Kommen Sie, mein Freund, zeigen Sie mir, was unten am Lift ist!»


Unten schien Herr Cheng ratlos, welche Richtung er einschlagen wollte. Jetzt war es an mir, ihn zu lotsen.


«Kommen Sie mit, ich zeige Ihnen den Weg zum Bärengraben.»


Herr Cheng schwieg, lief aber neben mir her, schaute links, schaute rechts. Dann erreichten wir die Kreu-zung und Herr Cheng sah die Aare: "Ah, Fluss, so gut, so ist schön!"


«Das ist die Aare», erklärte ich, «unser Fluss in Bern.» 
Wir standen am Geländer, blickten in das Wasser. Die Aare zog, dunkel und reissend, in den Bergen war Schneeschmelze.


«Viele Flüsse, viele Namen, aber nur ein Wasser», philosophierte Herr Cheng in seinem Klingklang. Dann lachte er laut. «Kommen Sie mit, Fluss hinauf schwimmen ist ehrenvoll, Fluss hinunter ist bequemer.»

Herr Cheng zog mich weiter in die Matte hinein. Es 
schien, als wolle er in jeden Hausgang, in jeden Winkel hinein schauen, er prüfte die Laubenbögen eingehend, die Pflästerung, jedes Schaufenster.


Es wurde mir langsam peinlich und eigentlich hätte 
ich schon längst abbiegen sollen, um nach Hause zu
gelangen. Aber ich begleitete Herrn Cheng weiter.
 Ich kam mir vor, als würde ich das erste Mal durch
 mein Quartier spazieren.
 Die Sonne schien, das Licht 
war blass, nicht grell. Es war 
warm, angenehm warm,
nicht zu heiss, es ging ein
leichter Wind, der an Herrn
Chengs wirrer Frisur zupfte.
 Energisch strich er das Haar
nach hinten, doch nach we
nigen Sekunden fielen ihm 
die Strähnen wieder ins Ge
sicht .

Krähe

Unsere Erkundungstour
führte tiefer in die Matte hi
nein, an den Schulhäusern 
vorbei. Dort zog es Herrn 
Cheng auf den Mühlen
platz. Mittendrin, auf einem
freien Parkfeld blieb er stehen, still und in sich selbst versunken, genau so, wie ich ihn oben auf der Plattform erlebt hatte.


Ich wartete eine Weile, dann sprach ihn sanft an: «Geht es Ihnen gut?»
 Herr Cheng zuckte zusammen, sah mich erstaunt an: «Ah, da sind Sie ja wieder! Ich dachte schon, ich hätte Sie verloren», klingklangte er.


«Suchen Sie etwas? Was suchen Sie denn?», fragte ich.

«Dasselbe wie Sie, dasselbe wie Sie», antwortete Herr Cheng und nickte bedeutungsvoll. «Kommen Sie mit mir, gehen wir es finden!»


Ich schaute mich um. Herr Cheng machte mich verlegen. Wenn die Nachbarn mich sehen, die würden sich wohl was für Gedanken machen! Doch der grosse Platz war wie leergefegt, sogar die parkierten Autos schienen sich unsichtbar zu machen. Bloss das Rauschen der Blätter der grossen, alten Kastanienbäume war zu hören und wenn man gut aufpasste sogar das Rauschen der fernen Aare.

Herr Cheng zupfte mich am Ärmel, zog mich entschlossen in eine schmale Seitengasse, in die wiederum eine noch engere Gasse mündete, eine Sackgasse. Es fiel kaum Licht zwischen die Häuser. Wo waren wir? Hatte ich dieses Gässchen wirklich noch nie gesehen? Gut, ich bin selten in dieser Ecke des Quartiers. Aber
 dennoch, warum schien mir das alles so unbekannt?
 Es wehte kühl aus der Gasse. Ich schaute mich um. Kein Strassenschild, oder war es zu dunkel, um etwas zu erkennen?


Herr Cheng hingegen schien in seinem Element und sprudelte:
 «Schöne Gasse, endlich! Viele Gassen, viele Namen aber immer nur ein Ende der Gasse.»


Dann lacht er sein schepperndes, lautes Lachen: «Ehrenvoll ist es, in die fremde Gasse hinein zu
gehen, bequemer ist es jedoch, draussen zu bleiben. Warten Sie hier, bitte!» Wieder dieser seltsa-me Klingklang-Singsang, diese fremd anmutende, einnehmende Melodie in seinen Worten.


Wie gebannt blieb ich am Eingang zur Sackgasse stehen, schaute verwundert Herrn Cheng zu, sann seinen seltsamen Worten
 nach. Ich fröstelte ein wenig.


Inzwischen sprang Herr Cheng in seinen blitzblanken Riesenschuhen über das Kopfsteinpflaster. Er hüpfte in kurzen Schritten, von Stein zu Stein schien es mir. Das Klacken der Schuhe auf dem Pflaster hallte von den Mauern.  Im spärlichen Licht war bald nur noch seine schwarze Silhouette zu erkennen.


Als ich ihr mit meinen Augen folgte, entdeckte ich zu hinterst in der Gasse, vor der abschliessenden Mauer, einen grossen metallenen Vogelkäfig. Sparsam aufge- tragene goldene Verzierungen blitzten auf. Im Käfig war eine Krähe gefangen, gross, mit glänzenden Federn, die trotz der düsteren Gasse weich schimmerten. Ein wachsames, schnelles Auge folgte den Bewegungen von Herrn Cheng. Haben Krähen einen Gesichtsausdruck? Diese hier schien sich nicht vor Herrn Cheng zu fürchten, ja, ihn zu erwarten.


Die schwarze Silhouette blieb vor dem Käfig stehen, verharrte lange, dann quietschte das Käfigtörchen. Herr Cheng murmelte ein paar Worte zur Krähe. Sie schien aufmerksam zuzuhören, neigte den Kopf.  Behutsam, aber entschlossen griff er mit beiden Händen in den Käfig und zog den Vogel langsam aus seinem Gefängnis. Die Krähe lag bewegungslos zwischen den schützenden Händen.


Plötzlich warf Herr Cheng die Krähe hoch in die Luft. Der Vogel schrak auf, flatterte wild, schlug mit den Flügeln um sich und gewann schliesslich aus eigener Kraft sein Gleichgewicht zurück. Jetzt suchte er einen Weg zwischen den eng stehenden Hauswänden, schlug hier an, prallte dort zurück, gewann schliesslich an Höhe und entdeckte seinen Fluchtweg.


Herr Cheng wandte sich zu mir hin, ein blasses Gesicht nur, etwas verschwommen. Er verbeugte sich steif, lachte und meinte: «Bequem ist es, von der Freiheit zu träumen, ehrenvoll ist es ihr entgegen zu fliegen», dann lachte er laut.


Als mein Blick der aufsteigenden Krähe folgte, die sich jetzt deutlich vom hellen Himmel abhob, entdeckte ich auf einmal einen zweiten Vogel, der ihr mit kräftigen Flügelschlägen folgte. Wie die beiden weiter aufstiegen, das Sonnenlicht erreichten, sah ich überrascht, wie sie jetzt bunt gefiedert waren und einander umkreisten, immer kleiner wurden, bis sie, wieder zwei schwarze Punkte geworden, im Himmelblau verschwanden.


Die Gasse aber war leer, Herrn Cheng sah ich nirgends mehr. Ich drehte mich suchend um. Keine Spur von Herrn Cheng. Als ich mich zurück zur dunklen Gasse wenden wollte, stand ich vor einem Gittertor. In einer schmalen Zeile zwischen zwei Hausreihen lag, von Gras überwuchert allerhand Gerümpel. Ich ging zurück zum Mühlenplatz, trat ins helle Licht hinaus, setzte mich auf die Treppenstufen bei Schulhaus.


Eine Weile lang grübelte ich dem Erlebten nach, schmiedete Pläne, ob ich bei der Polizei eine Vermisstmeldung aufgeben sollte. Doch wie? Und vermisste ich Herrn Cheng? Ich kehrte zum Matte-Lift zurück, um nachzufragen, ob sich der Liftboy an Herrn Cheng erinnere. Doch ein anderer hatte jetzt Dienst.


Ich gab auf, liess es gut sein. Wenn es Herrn Cheng wirklich gab, war er bestimmt längstens in sein Hotel zurückgekehrt. Aber noch während manchen Wochen, wenn ich über die Münsterplattform schritt, schaute ich aufmerksam um mich, ob ich Herrn Cheng beim Pavillon warten sähe.


Peter Maibach, Juni 2018

Nachtrag

Vor ein paar Tagen, während der Liftfahrt in die Stadt sprach mit der Liftführer an: «Ich soll einen Gruss ausrichten.»
«Oh, wie freundlich, vom wem denn?»
«Ein gewisser Herr Cheng. Er schien etwas verwirrt und trug einen leeren Vogelkäfig mit sich.»