Der Berner Mattegucker

Die "vier L's"

ch steige die Wendeltreppen des lauschigen Türmchens an der Schifflaube in den zweiten Stock hoch. Die ‹vier L’s› erwarten mich schon auf dem Treppenabsatz. Die vier ‹L’s›, das sind die waagegeborene Lisa Graf, der Krebsmann Lorenz Wyss und die beiden Buben Lucien und Louis, die beide im Sternzeichen Löwe geboren sind.


Bevor wir mit dem Porträt beginnen, darf ich die schöne Wohnung an der Schifflaube besichtigen; Eine gelungene Mischung zwischen neuem Chic und altem Matte-Charme. Das Appartement wurde sehr schön renoviert und passend eingerichtet. Es ist hell, vom Fluss her scheint viel Licht herein. Die Sicht auf Aare und Münster sind atemberaubend.


Wir beschliessen, dass wir es uns draussen auf dem ehemaligen Tenn gemütlich machen, mit der wunderbaren Sicht in die Gärten und in die obere Altstadt – ein Genuss an diesem prächtigen Sommertag.


«Ich wohne seit Frühling 2000 hier unten in der Matte in diesem schönen Haus. Lisa zog im 2005 in die Matte.» Die beiden Jungs fühlen sich hier genauso so wohl wie ihre Eltern. Lorenz ist im Altenberg aufgewachsen dann an die Postgasse gezogen und ist nun in der Matte angekommen. «Ich bin sogar in der Matte in die Schule gegangen», sagt er als waschechter Mattegiu nicht ohne Stolz.


Die beiden aufgeweckten Jungs hören aufmerksam zu. «Was gefällt dir hier in der Matte und in den Gärten?», frage ich Louis.
«Ich mag es, Räuber und Poli zu spielen und mich dabei in den Gärten zu verstecken. Und,
 Räuber sein gefällt mir besser, denn dann kann
 ich ‹wegseckle›, das macht grossen Spass.»


Lucien und Luis

Louis und Lucien sind beide sehr sportlich, vor
allem mögen sie den 
Judosport. Beide sind Mitglied in einem Judo Klub im Breitenrain und trainieren regelmässig. Louis geht dreimal in der Woche und Lucien zweimal. «Anderseits spielen sie kein Instrument», wendet Lisa ein. «Es wäre dann vielleicht zu viel, neben Schule und intensivem Judosport auch noch eine Musikschule zu besuchen.»


Louis erzählt stolz von den Judo-Wettkämpfen, die er gewonnen und hat, darunter sogar die Berner Kantonalmeisterschaft 2016/2017 und einen internationalen Wettkampf in Spiez. Er möchte natürlich auch im Jahr 2018 weitere Titel gewinnen (Nachtrag der Redaktion: Das ist Louis dann auch tatsächlich gelungen, Lucien belegt den zweiten Rang in seiner Kategorie - herzliche Gratulation euch beiden). Louis strahlt, wenn er über
seinen Sport erzählt: «Ich habe den orangen Gürtel!» Dann erklärt er mir die verschiedenen Farben und Bedeutungen der Gürtel. «Gerne möchte ich den Schwarzen und trainiere auch dafür», meint er selbstsicher. Der zwei Jahre jüngere Lucien erzählt mir, dass er kürz
lich vom 10-Meter-Sprungturm heruntergesprungen ist. «Nid nüt!», mich schauderts, das würde ich mich nie wagen. Lucien lächelt, während Lisa mir den mutigen Sprung auf dem Handy zeigt.


Eine quicklebendige Jungmannschaft, die genau weiss, was sie will und was nicht. Das führt fast automatisch zur nächsten Frage: «Wer ist denn eigentlich der Chef im Haus?» Ohne eine Sekunde zu zögern zeigen die drei Mannen auf Lisa.


Wer ist denn eigentlich die Chefin?


Lisa ist gelernte Kleinkindererziehern und ausgebildete Heimleiterin. Sie mag Kinder und sie weiss, wie sie den Ton anzugeben hat. Ja, Lisa hat ihre drei Männer im Griff. Ich vermute aber, dass es den Dreien gar nicht so unangenehm ist. «Ich weiss halt schon oft, was man machen könnte und mache Vorschläge», erzählt Lisa lachend. «Aber jemand muss wohl ein bisschen den Takt angeben», fügt sie fast entschuldigend an. Wir grinsen. Lorenz, der sich eher im Hintergrund gehalten hat, schaut seine Lisa liebevoll an. Ich habe den Eindruck, dass die beiden sich sehr gut verstehen und dass es ganz gut ist, dass es eine Chefin im Hause gibt!


Lisa arbeitet als stellvertretende Kindergärtnerin in Kehrsatz. «Ich bin gerne im Sozialwesen tätig bin aber auch offen für Neues». Lisas Vielseitigkeit und positive Art erleichtert esihr, mit unterschiedlichsten Menschen gut auszukommen. «Ich weiss nicht, was mich, beruflich noch alles erwartet und bin selber gespannt was sich noch ergeben wird. Mit Kindern zu arbeiten oder eine andere Lehrtätigkeit auszuüben, spricht mich weiterhin an», ergänzt sie.


Alle vier lieben die Matte. Lisa und Lorenz, weil es ein schönes, familienfreundliches Quartier und eine erfrischende Oase mitten in der Stadt ist, und Louis und Lucien, weil viele Kinder in der Matte leben und sie mit ihnen herumtoben können. «Ich bin schnell mal bei meinen Freunden Raphael oder Béla und muss nicht weit gehen», betont Louis.

«Es ist aber auch cool, wenn wir an den Matte-Brunnen unsere Wasserpistolen füllen und die andern anspritzen können», meint Lucien schelmisch.


«Und spritzt ihr die auch die Grossen an?», will ich wis
sen. Beide schauen sich an und grinsen. «Manchmal würden sie dies sicher gerne tun», wirft Lisa ein.

«Für die Kinder ist es wirklich ein Segen, hier unten zu leben. Ich finde, sie haben grosse Freiheiten. Der Sportplatz ist für die Matte-Kids ein Zentrum geworden. Für Lucien ist das wie ein zweites Wohnzimmer», ergänzt Lisa.


«Ja, die Matte verspürt zur Zeit so etwas wie den 25. Frühling ...», erwähnt Lorenz nebenbei.

Die vier L Familie


Innovationsarchitekt an der Aare


Lorenz arbeitet seit einigen
 Jahren bei der Post als ‹Innovationsarchitekt›.


«Und was bedeutet das ge
nau?», wundere ich mich.


«Mein Job ist es, die Ideen und
Vorschläge von Mitarbeiten
den und Partnern zu sammeln.
Damit wenden wir uns dann
an die zutreffende Stelle und
setzen uns dafür ein, dass die
Idee auf deren Machbarkeit
geprüft wird. Das entscheide
natürlich nicht ich alleine. Es
geht vor allem darum, eine 
Balance zwischen Regulation
 und ökonomisch funktionie
rendem Service Public zu finden». Er hält einen Moment inne und fährt dann fort: «Die Post ist und kann weit mehr als das, was noch in vielen Köpfen steckt. Und es sind grosse Veränderungen im Gang. Etwa das Briefvolumen: Dieses ist nach wie vor gross – aber der allergrösste Teil davon ist Geschäftskommunikation und gerade dort stellen laufend mehr Geschäfte auf digitalisierte Prozesse um. Die Folge davon: Das Briefvolumen sinkt unaufhaltsam und damit auch die Einnahmen daraus. Diese Entwicklung soll teilweise mit andern ergänzenden Geschäftsmöglichkeiten kompensiert werden, um die Balance halten zu können. Hierfür sind Ideen gefragt – am Besten solche aus den eigenen Reihen!»

«Und was genau machst du mit den Informationen und Ideen der Mitarbeiter?», hake ich nach.
Hielt Lorenz sich vorher, während des Gesprächs, eher im Hintergrund, redet er sich nun so richtig in Fahrt und man kann sein gelbes Blut regelrecht spüren.


«Meine Idee ist die Beste!, sagen und glauben viele Leute. Sie verlieben sich häufig in die ihre Ideen. Aber wann lohnt es sich, eine Idee umzusetzen? Existiert für den Lösungsansatz auch wirklich ein Problem, das es zu lösen gilt?» Mit Workshops, wo Ideen, Probleme und Lösungsansätze geschärft werden, hilft Lorenz seinen Kolleginnen und Kollegen bei der Post, ebendiese gezielt und effektiv weiterentwickeln zu können. «Aber von der Grundidee bis zu deren Implementierung ist es ein langer Weg. Da spielen natürlich viele Faktoren eine grosse Rolle. Politik, Geld, die beteiligten Menschen
und vieles, vieles mehr.»


Zurück in die Matte


Lorenz ist Kassier im Hilfsverein Matte-Schulen, welcher den Zweck hat, Schulprojekte und Schüler/innen der Matte-
Schule punktuell und finanziell zu unterstützen und ich bin natürlich gespannt, welche Ideen er selber dort einbringen wird!


«Was macht ihr sonst noch, nebst Sport, Arbeit und in der Matte leben?»


«Im Frühjahr 2017 sind wir
 abermals sieben Wochen mit 
Rucksäcken durch Südostasien gereist. Und wir würden sogleich wieder aufbrechen. Uns zieht es von Neuem nach Asien. Auch dort sind die Menschen freundlich und zuvorkommend und wir lieben das exotische Essen und das tropische Klima. Aber jetzt ist das Reisen leider
etwas schwieriger geworden», sagt Lisa bedauernd.

«Die Qualität der Reisen mit der Familie sind einmalige Erlebnisse. Letztes Mal haben wir die Schulaufgaben der Jungs mitgenommen, so hatten sie keine Nachteile nach der Rückkehr. Jetzt, wo sie älter sind, ist es nicht
mehr so einfach, während der Schulzeit zu grossen Reisen aufzubrechen. Die schulischen Ansprüche sind mehr geworden.»


«Wohin möchtet ihr reisen?», frage ich Louis und Lucien. «Gerne auf die Malediven, dann können wir tauchen und an den Strand», meinen die beiden Wasserratten spontan, «aber Asien geht auch.»


«Wir gehen gerne auf Reisen und kommen allerdings auch immer wieder gerne in die Matte in unsere Burg zurück», ergänzt Lorenz, Lisa nickt zustimmend.


Unsere Zeit ist um – noch steht die Fotosession an. «Ihr dürft schon ein bisschen ‹blöd› tun und müsst nicht brav vor die Kamera stehen», fordere ich die Giele lachend auf. Und das muss ich nicht zweimal sagen.


Die ‹vier L’s› sind Profis vor der Kamera und so haben wir die Bilder schnell im Kasten.


Vielen herzlichen Dank für eure Zeit und merci vielmal für den leckeren selbstgemachten Eistee, Lisa. Hat hervorragend geschmeckt.
 Rosmarie Bernasconi