Der Berner Mattegucker

Geschichte eines Abschieds

Das Mausemädchen Majarte und ihr Bruder Nalu wohnen noch bis zu den Sommerferien im grossen Matteschulhaus. Sie kennen in diesem alten Haus jede Ritze und jedes Versteck. Im riesigen Estrich spielen sie Fangis und freuen sich, wenn sie auf dem Minutenzeiger der Schulhausuhr Riesenrad fahren können. Einzig der dunkle, kalte Keller gefällt ihnen nicht. Dort riecht es ungemütlich und es ist feucht. Nach den Sommerferien werden sie dann im Wankdorf Schulhaus wohnen. Besonders Nalu freut sich, denn dort sind die WC-Anlagen neu, so dass er sich nicht mehr die Nase zuhalten muss. Majarte findet es cool, dass beim Hintereingang die Decke des Pausenhofs mit Spiegelblech belegt ist.

Am letzten Freitag Nachmittag haben die Beiden auf eigene Faust ihren neuen Wohnort besucht. Sie bewundern den riesigen Spielplatz, dort kann man Weitsprung üben. Es hat einen grossen Rasenplatz und zwei Basketballkörbe. Das finden sie Millionen mal besser als im alten Schulhaus. Das neue Schulhaus ist noch mit Baugerüsten eingepackt. Es hat grosse Fenster. Unten hat es einen grossen Essraum, eine Aula und eine Bühne. In den Schulzimmern der untern Gänge hat es grüne Linoleumböden, die Schulzimmer im 2. Stock sind hell und gross. Sie haben blaue Böden. Es hat sogar in jedem Zimmer ein Brünnli und einen Wasserhahn. Den beiden Graupelzen bleibt vor Staunen der Mund offen stehen.

Da auf einmal kommen ihnen im dunklen, langen Gang ganz viele Menschenkinder entgegen. Diese rennen ganz rasch. Vor Schreck bleiben Nalu und Majarte wie angewurzelt stehen. Sie erkennen den Noah, den Giuliano, den Agash, Jonas, Marcel, Nico, Jan, Vanessa, Selma und Tiziana, alles Schülerinnen und Schüler der 5.& 6. Klasse.

Die Beiden wissen, dass sie sich vor diesen in Acht nehmen müssen. So schnell ihre kurzen Beine sie tragen, rennen sie in die entgegengesetzte Richtung. Nalu sieht vor sich ein Loch, in welches er sich retten will. Doch zum Glück war da noch seine Schwester welche gemerkt hat, dass sich ihr Bruder in grosse Gefahr begibt. Ohne zu zögern packt sie
ihn an den Hosenträgern und kann ihn so im letzten Moment davor beschützen in den dunklen, tiefen Liftschacht zu fallen. Mit zittrigen Knien guckt Nalu ins schwarze, bodenlose Loch unter seinen Füssen.

Nichts wie weg von diesem Ort. Hand in Hand rennen sie zur nächsten offenen Türe. Hinaus in den regnerischen Nachmittag, in die frische Luft, in die Welt mit Boden, ohne Dunkelheit, Staub und Löchern!

Zu Hause muss die Mutter die beiden Ausreisser beruhigen. «Wir wollen nach den Sommerferien nicht in dieses neue, grosse, gefährliche Haus ziehen», sagt Nalu zur Mutter.«Hier in der Matte ist es viel schöner! Dort ist es schmutzig, dunkel und sehr laut. Dieses Kreischen und Heulen, der Staub überall, der Geruch nach Leim und Farbe». «Und Holz zum Nagen gibt es auch nicht, überall nur Beton, Glas und Metall. Wir wollen nicht zügeln», sagt nun auch Majarte und erholt sich nur langsam von der langen Flucht.

«Hier gefällt es uns am Besten», wiederholt Nalu. «Es ist nicht dreckig, es hat Licht, es ist nicht laut und überall herrscht Ordnung».

Stefan Flury