Der Berner Mattegucker

Interview Elisabeth Aebischer

Elisabeth Aebischer
Schüler 5./6. Klasse Sprachheilschule Bern

Wie lange arbeiten Sie schon an der Sprachheilschule?

Elisabeth AebischerEigentlich arbeite ich seit ich 21 Jahre alt bin an der Spracheilschule. Zuerst war ich an der Sprachheilschule in Wabern. Dort arbeitete ich fast 1.5 Jahre lang und dann bin ich reisen gegangen. Während einem ganzen Jahr war ich fort. Danach habe ich Stellvertretungen gemacht, aber nicht an der Sprachheilschule. Als ich ungefähr 30 war, 1983, bin ich an die Sprachheilschule Bern gekommen. Dazumals war diese noch im Bubenbergrain, dort wo jetzt der Kindergarten ist. Es gab erst drei Klassen zu dieser Zeit. Und ich eröffnete dann die vierte Klasse. Es gab sehr viele Kinder, die einen Hör Apparat hatten. 1991 sind wir in die Matte umgezogen. Das ist jetzt schon 25 Jahre her.

Was war früher in der Schule anders?

Wir haben «äuä» noch etwas anders unterrichtet. Nicht so viele unserer Schüler sind zurück in die Primarschule, wie das jetzt der Fall ist. Heute gehen ja ziemlich viele wieder zurück. Damals war das noch ein bisschen weniger.

Als Sie so alt waren wie wir: Was haben Sie in Ihrer Freizeit am liebsten gemacht?

Wie alt seid Ihr?

12. Ich werde 13.

Ja, ich habe gerne viel gelesen. Manchmal habe ich drei Bücher an einem Tag gelesen. Manchmal bin ich am Morgen früh aufs Sofa und erst am Abend wieder vom Sofa runter. Immer gelesen.

Und wenn es Mittagessen und Abendessen gab?

Dann musste ich manchmal weggehen, aber das hat mich gestört. Ich war dann «aube» ganz weit weg: Ich ging fast reisen mit meinem Buch. Sehr gerne und oft habe ich auch Klavier gespielt. Und dann bin ich gerne Ski und Schlittschuh gefahren und geschwommen. Ins Theater und ins Konzert ging ich auch gerne, aber das konnte man damals nicht so oft, da wo ich wohnte. Ich habe in einem Dorf gewohnt, in Aarberg.

Was hatten Sie als Kind an der Schule am liebsten?

Sehr gerne habe ich gesungen und am liebsten Geschichten zugehört. Wenn die Lehrerin etwas aus einem Buch erzählte.

Welches war Ihr schönstes Erlebnis als Kind?

Eines meiner schönsten Erlebnisse war, als ich mal nach Hause kam – wir haben nicht oft Geschenke bekommen, damals hat man noch nicht so viel Geschenke bekommen – und mir mein «Mueti» sagte: «Gang mau ungers Chopfchüssi go luege.» Mein Vater hatte mir Rollschuhe geschenkt. Die waren unter dem Kopfkissen versteckt. Ich hab mich wahnsinnig gefreut. Es war weder mein Geburtstag noch Weihnachten. Ich habe es einfach so bekommen. Daran kann ich mich gut erinnern.
 

Können Sie immer noch Rollschuh fahren?

Weisst du, es handelte sich um primitive Rollschuhe, nicht solche, die man heute fährt. Nein ich fahre nicht mehr.

Und welches war Ihr schlimmstes Erlebnis?

Als ich mal in einen Keller eingesperrt wurde in der Nacht von einer Frau, bei der ich eingeladen war. Bei einem «Meitschi» in den Ferien. Wir haben zusammen Birnen vom Baum abgerissen. Dann spielten wir mit den Birnen. Die grossen Birnen waren die Mamis und die kleinen Birnen waren die Kinder. Dann kam die Mutter und sagte: «Was machet dir da Schlimms? So Elisabethli du muesch grad i Chäller.» Ihre Tochter durfte ins Bett. Und ich musste ohne Licht in ihrem Keller Kartoffeln sortieren und ich hatte wahnsinnig Angst.

Ohne Licht?

Ohne Licht. Die Grossmutter kam manchmal zu mir. Die hatte etwas Mitleid mit mir. Dann am nächsten Tag hatte die Frau ein bisschen Angst, dass ich es meinen Eltern erzählen würde. Sie hat mir schöne Kleider gekauft und gesagt, ich darf es nicht erzählen. Aber ich hab es dann trotzdem erzählt.

Können Sie uns spezielle Erlebnisse als Lehrerin erzählen?

Ja, da gäbe es unglaublich viele. Was für mich immer schön ist, ist, wenn ich bei einem Kind, das gar nichts versteht, plötzlich merke, dass es ein bisschen etwas versteht. Für ein Kind ist es, wie noch einmal geboren werden, wenn es merkt, dass es auch mithören und teilnehmen kann. Wenn sich ein junger Mensch so entwickelt, so verändert, ist das wunderschön. Und wenn ich dann jemanden wieder treffe, das finde ich grossartig. Wenn mich mal jemand, der bei mir in der Schule war, besuchen kommt und sagt: «Ah Frau Äbischer, das wüsster no!» Man hat es lustig miteinander und der Mensch sagt: «Ds isch toll gsi bi euch und i wet gar nid, dasses angersch gsi wär, merci viumau für die schöni Ziit!» Dann habe ich wahnsinnig Freude. Und ich denke: Ich habe einen tollen Beruf.

Und jetzt in dieser Klasse, gibt es da nicht etwas, was ganz schön ist?

Ja. Das sind ganz besondere Kinder, die ich im Moment habe. Und ich glaube auch, ich bin besonders im Moment. Weil ich weiss, dass es meine letzte Klasse sein wird. Jetzt habe ich noch ein Jahr Schule und danach werde ich pensioniert. Ich geniesse es ein bisschen mehr als früher. Noch ein Jahr. Das macht die Schule eben ein bisschen anders als sonst. Es ist das Wissen, es kommen nie mehr neue Kinder zu mir. Das macht es ein bisschen einmalig. Ich bin dadurch vielleicht auch ein bisschen weniger streng als ich es auch schon war. Vielleicht höre ich ein bisschen mehr auf die Kinder. Früher hatte ich ein strengeres Programm, wollte viel mehr durchrattern.

Haben Sie Überschwemmungen an der Schule erlebt? Bitte erzählen Sie uns davon.

Ja natürlich, zwei Mal. Das war aufregend. Am Morgen früh hat Frau Mathis angerufen und gesagt: «Elisabeth, mier chöi nid id Schuel gäh, sisch alles überschwemmt». Zuerst haben wir uns in der Stadt im «Meerhaus» getroffen. Das war ein Haus, in dem wir Versammlungsräume hatten. Dann haben wir uns gefragt «Was mache mer itz?» Alle Lehrer und alle Logopäden. Wir hatten nichts mehr, keine Bücher, keine Hefte, keine Blätter…Alles war im Schulhaus. Wird durften nicht mehr rein. Das war bei der zweiten Überschwemmung. Ich hatte gerade neue 1.Klässler. Erst seit einer Woche nach den Sommerferien - als das Hochwasser kam. Und dann habe ich gedacht: Jetzt kann ich doch mit denen nicht noch weit weg in ein neues Schulhaus. Dann sind wir am Bubenbergrain in den Psychomotorik Raum. Diese Klasse und ich und die Logopädinnen. Zwischen Sommer und Herbst hatten wir also dort Schule. Ohne «Pültli». Am Boden. Aber es ging gut. Ich habe das schön in Erinnerung. Eine Frau, die im Haus wohnte, kochte für uns. Einmal in der Woche kochte sie uns Hörnligratin. Das war irgendwie schön. Aber auch ein bisschen gespenstisch. Weil am Abend hat man «aube» in die Matte gesehen. Und es war ganz dunkel, es gab keine Elektrizität. Und alle Leute waren weg, alle Leute mussten weg aus der Matte. Es war dunkel und hat gerauscht. Und durch die Häuser sah man teilweise die Aare fliessen. Das sah am Abend ein wenig gruselig aus. Und die Leute sind mit Schiffen gefahren, mit Motorschiffen in der Matte. Man konnte nicht mehr gehen. Und die Leute, die nicht weg wollten, die kamen sie mit dem Helikopter holen. Die haben sie mit Seilen unten an den Helikopter gebunden. Das war eindrücklich wie ein Krimi.

Unser Lehrer hat erzählt, sie hatten keine Schule mehr, als das Hochwasser war.

Ja, ganz kurz zu Beginn. Die Reporter – es gab viele Reporter, die über das Hochwasser berichteten – sagten: «Hei schön, Hochwasser, jetzt habt ihr Ferien!» «Nein, nein, wir haben nicht Ferien. Wir müssen das anders lösen.»

Lacht.

Können Sie noch ruhig schlafen, wenn es regnet?

Jaja! Aber also vor allem die Kinder, die das erlebt haben, hatten danach ein bisschen Angst, wenn es regnete. Es hatte schon eine andere Bedeutung nachher. Weisst du, es war ein «Chrampf» gewesen. Man konnte nicht alle Sachen wieder sauber machen. Den Schlamm, den konnte man nicht einfach wegputzen. Alles war völlig überzogen von Dreck und das brachte man nicht weg. Die meisten Sachen mussten wir fortwerfen. Da merkt man einfach, wie stark die Natur ist.

Sie werden bald pensioniert. Was werden Sie dann tun?

Ich weiss es auch noch nicht so genau. Sicher werde ich reisen gehen.

Wohin denn?

Ich will nach Japan, vielleicht für zwei Monate. Und dann will ich den Winter in einem warmen Land verbringen, dass ich noch nicht so kenne. «Äuä» gerade ein bisschen in der Nähe von Japan. Davon träum ich ein bisschen. Dann im Sommer will ich zu Hause sein und im Laufe des darauffolgenden Jahres möchte ich noch den Norden kennenlernen. Den kenn ich gar nicht. Vielleicht Finnland. Oder Schweden, Norwegen… Also sicher möchte ich reisen gehen und danach etwas helfen, etwas Sinnvolles machen. Entweder für die Kinder. Es gibt sehr viele Flüchtlingskinder in der Schweiz… Aber ich will auch für mich Zeit haben. Klavier spielen, spazieren…

Mit dem Hund?

Ohne Hund. Ich will keinen Hund. Lacht.

Merci vielmal Frau Aebischer, dass Sie uns so ausführlich berichtet haben.