Der Berner Mattegucker

Interview mit Gudrun Glaus

G: Gudrun Glaus
B: Ursula Brotbeck
Schüler 5./6. Klasse

S:Wie lange wohnen Sie schon in der Matte?

Gudrun GlausG: Seit Mai 1994, also seit 22 Jahren.

S: Wie alt ist Ihr Haus?

G: Sehr alt. Das Grundfundament, die Steine ganz unten, hab ich mal gehört, sind rund 500 Jahre alt.

In welchem Stock wohnen Sie? G: Im ersten Stock.

S: Hatten Sie schon einmal Wasser in der Wohnung?

G: Nein, in der Wohnung gerade nicht.

S: Was für Schäden hatten Sie?

G: Also, ich heize ja noch mit Holz und Kohle in der Wohnung. In jedem Zimmer hat es einen Ofen. Da muss ich also morgens früh aufstehen und heizen. Das Holz und die Kohlen habe ich im Keller. Und der Keller war überschwemmt. Das Holz, das konnte trocknen aber die Kohle, die war verschlammt, die musste ich wegwerfen. Einen Schlitten und ein paar Ski musste ich auch wegwerfen. Die Bindungen waren voller Sand und Schlamm.

Wer bezahlt das? G: Die Mobiliarversicherung, anstandslos. Ach, und ein Handy ist mir beim Aufräumen noch ins Wasser gefallen. Platsch. Haben sie auch bezahlt.

S: Können Sie noch ruhig schlafen, wenn es regnet?

G: Kein Problem. Ich schlafe wunderbar.

S: Was gefällt Ihnen im Mattequartier?

G: Also mir gefällt, dass ich viele Leute kenne … dass ich da wohne, wo ich auch arbeite ... dass es im Mattequartier eine Art Mittelpunkt hat, wo der Mühliplatz und dann der Ligu Lehm sind. Manchmal ist es so ein bisschen wie ein kleines Dorf fast. Und natürlich gefällt mir, dass ich Aussicht auf die Aare habe. Das ist etwas Unbezahlbares.

S: Was ist nicht so schön?

G: Die vielen Hundedrecke überall.

S:Was wünschen Sie sich für die Matte in der Zukunft? Dass sie nicht die ganzen Häuser verändern und teurer machen. Aussen lassen sie schön die alte Fassade und innen machen sie Luxuswohnungen, die sich dann niemand mehr leisten kann. Oder sie sind den ganzen Tag am Arbeiten und nur zum Schlafen da, weil sie das Geld für die Miete zusammenbringen müssen. Dem sagt man Luxus-Sanieren: Aussen lässt man es schön alt und innen wird es so teuer gemacht, dass kein Mensch die Miete bezahlen kann. Das möchte ich nicht.

B: Bei den Überschwemmungen, gibt es da ein besonderes Erlebnis? Etwas, das Sie erlebt haben?

G: Das hört sich jetzt ein bisschen komisch an, aber es war ganz lustig. Wir hatten im ganzen Haus keinen Strom mehr. Es gab also nur noch Kerzenschein und wir mussten ein uraltes Telefon wieder anstöpseln mit so Glocken, einem Hörer und einer Wählscheibe. Und weil wir eben mit Holz und Kohle Feuer machen, haben wir auch noch so einen Herd, auf dem man kochen kann. Und dann hat immer das ganze Haus abends zusammen gekocht und bei Kerzenschein zusammen gegessen. Es war eigentlich eine schöne Zeit für uns in diesem Haus. Aber morgens mussten wir fast noch im Schlafanzug zur Schule aufs Klo gehen ins Toitoi Häuschen. Das war das weniger Schöne.

B: Und wie kamen Sie dann raus, wenn das Wasser im Keller war und auf der Strasse auch Wasser?

G: Wir konnten nicht raus. Unser Vermieter, der hat hinten – auf der Seite des Kindergartens der Sprachheilschule – von meinem Balkon aus auf den Platz mit Brettern eine Brücke gebaut. Dann konnte ich von meinem Balkon aus über das Brücklein zur Migros und wieder zurück. Vorne konnte man nicht durch. Da war alles voller Wasser.

B: In welchem Jahr war das? G: 2005. 2007 gabs auch noch mal eine Überschwemmung. Aber die ganz grosse Überschwemmung, während der auch keine Schule war, die war 2005. 1999 hatte es auch schon eine gegeben.

B: Hat man da nicht Angst, dass das Haus zusammenfällt, wenn alles unter Wasser ist?

G: Ja, ein bisschen, weil es aus Sandstein ist. Und vor allem, weil es fliesst. Da hat man mit der Zeit Angst und denkt: «Ou der Sandstein löst sich.»

B: Ich hab mal gehört, einmal war auch ein Helikopter unterwegs, um zu schauen, ob noch alle Bewohner wohlauf sind?

G: Ja die kreisten rum. Und da, wo das Hochwasser am schlimmsten war, haben sie auch einige aus der Wohnung geholt. Die konnten sich dann da festschnallen und durch die Luft fliegen. So wurden sie evakuiert.