Der Berner Mattegucker

Eine sportliche Familie

Thierry KneisslerWir haben um 14.00 Uhr zum Interview abgemacht, Thierry Kneissler, der neue Matteleist-Kassier und ich. Zwanzig Minuten später stürmt er zusammen mit seiner Tochter Julia in den Laden. Julia will beim Interview dabei sein. Sie übernimmt sofort meine Kamera und schiesst die Interviewfotos für den Mattegucker. Ich finde, dass sie ein wirklich gutes Auge fürs Fotografieren hat. Nachdem die Bilder im Kasten sind, setzen wir uns gemütlich an den Tisch und beginnen mit unserem Gespräch. Ich stelle Julia die Frage, wie sie ihren Vater beschreiben würde. Wie aus der Pistole geschossen meint sie: «Ich nerve mich, weil er immer am Telefon hängt. Weil er wenig Zeit für uns hat, weil er immer aufs Handy schaut und weil er oft zu spät kommt. Eigentlich passt er ja am Freitag jeweils auf mich und meinen Bruder auf, aber auch dann ist er immer am Computer oder am Telefon.» «Aber auf dich aufpassen, das kannst du doch jetzt nicht mehr wirklich sagen, das ist kein Argument», sage ich lachend zu der Zehnjährigen. Julia verdreht die Augen. «Gerne würde ich aber mehr Zeit mit meinem Vater verbringen, denn es nervt wirklich, wenn er immer am Handy ist», bleibt sie hartnäckig. «Manchmal kommt er aber schon mit uns "Tschutten" auf den Pausenplatz», findet sie dann doch noch etwas Positives an Thierrys Terminkalender. «Was möchtest du denn mehr von deinem Vater?»

«Ich möchte, dass er mehr mit uns macht.»

«Aber Julia, du bist ja auch dauernd unterwegs, soviel Zeit bleibt dann auch nicht mehr?», widerspreche ich ihr. Thierry sitzt entspannt auf dem roten Stuhl und hört uns aufmerksam zu. Bis jetzt konnte er sich noch nicht zu Wort melden. «Wann hast du Zeit für deine Kinder?», richte ich mich an ihn. «Es ist sicher so, Julia hat recht. Ich arbeite viel und manchmal bleibt uns wirklich zu wenig Zeit.» «Du hast so viel zu tun und jetzt hast du noch das Amt vom Kassier im Matte-Leist angenommen? Ist das nicht noch eine zusätzliche Belastung.?» «Ich habe auch schon Buchhaltungen gemacht und so fällt es mir nicht wirklich schwer, diese Kasse zu führen. Ich habe lange bei der Bank und bei der Postfinance gearbeitet – und jetzt widme ich mich Twint, dem digitalen Portemonnaie. Ein spannendes Projekt.» Doch doch, Thierry ist durchaus bewandert mit Zahlen. Kurz nach seiner Wahl, an der Matte-Leist Versammlung, flüsterte mir eine ältere Dame ins Ohr: «Du, kann der mit Zahlen umgehen?» Ich schmunzelte und nickte: «Wenn es jemand kann, dann sicher er.» Thierry wuchs in der Nähe von Bern auf und lebte bereits viele Jahre in der Stadt, bevor er und seine Frau Kathrin 2003 in die Berner Matte zogen, an die Schifflaube. Julia und Rafael kamen hier zur Welt, Julia im August 2005 und zwei Jahre später im September 2007 Rafael. Zwei quirlige Matte-Kinder, die durch die Lauben toben.

Vater und Tochter leben gerne in der Matte.

Sie mögen, dass die Matte ein Dorf ist. Julia ist schon durch und durch Mättelerin. Darum freut sie sich, dass sie nun etwas länger hier unten in die Schule gehen kann. Für sie sind die Veränderungen, die an der Schule stattfinden, kein Problem. «Jetzt können wir in ein grösseres Schulhaus ziehen», meint sie verschmitzt. Ich schaue sie etwas verdutzt an. «Weisst du, wir ziehen in das grosse Schulhaus hier in der Matte, weil ja die Sprachheilschule wegzieht» Thierry ist zufrieden, dass ihre Kinder noch etwas länger im Quartier bleiben können.

«Wie es in zwei, drei Jahren aussehen wird, das werden wir sehen. Dann ist es Julia vielleicht zu ruhig hier unten.» Er zwinkert seiner Tochter zu. Beide schätzen es, dass sie nun ruhig mit dem Velo durch die Matte radeln können. Familie Kneissler Lanz besitzt kein Auto. «Und das ist auch gut so», finden Thierry und Julia. «Wir brauchen kein Auto», sagt Thierry bestimmt, denn hier unten und in der Stadt ist das nicht nötig. Doch verlassen wir kurz die Matte und ziehen hinaus in die Welt. Eine gemeinsame grosse Leidenschaft der Familie ist das Reisen. «Wir fliegen für drei Wochen nach Japan!», ruft Julia mit leuchtenden Augen. «Ja, vielleicht müssen wir dann wieder stundenlang durch eine Stadt "latschen", aber es macht eigentlich Spass», meint sie etwas altklug. Thierry erzählt, dass sie letztes Jahr zwei Wochen durch Andalusien zogen. «Am Schluss mit einem Aufenthalt in Barcelona», betont Julia. Es ging den Eltern, Thierry und Kathrin, auch darum, zu testen, wie reisetauglich die ganze Familie für die grosse Reise ist.

«Wieso gerade Japan?», will ich wissen.

Thierry Kneissler und Julia«Weil Kathrin, Julia und Rafael Karatesport betreiben. Da war es naheliegend in dieses Land zu reisen, da Karate aus Japan stammt.» «Vielleicht kann ich sogar noch den Sumo-Ringern zuschauen», meint Julia. «Jedenfalls sind wir gespannt, was uns erwarten wird, denn es ist schon eine ganz andere Kultur.» Thierry wirft Julia einen Blick zu. Sie ist inzwischen ruhig geworden und hört aufmerksam zu. «Was wünscht ihr euch für die Matte?», komme ich wieder an die Badgasse zurück. «Eigentlich wäre noch cool, wenn wir einen Fussballplatz, vielleicht sogar mit Kunstrasen hätten. Platz hätte es genug. Richtung Längmuur wäre es doch eine Möglichkeit und ein hohes Gitter würde dann auch die Bälle vor der Aare retten.» Julia ist wie ihr Vater eine leidenschaftliche Sportlerin. Der ganzen Familie ist Sport und Bewegung wichtig. «Für mich ist der Sport ein wichtiger Ausgleich zu meinem Job. So treibe ich drei Mal die Woche Sport, um mich fit zu halten.»

«Wieso hast du das Amt als Kassier angenommen?»

«Ich gebe dem Quartier gerne etwas zurück, denn es gefällt uns wirklich sehr hier unten.» Kathrin ist in diesem Frühjahr zur Präsidentin vom Spili Längmuur-Verein gewählt worden. Die Familie ist wirklich aktiv und längst in der Matte angekommen. «Aus der Matte zu ziehen kommt für uns nicht in Frage», sagt Thierry bestimmt. «So stimmt es für uns, dass wir uns auch engagieren. Für ein so schönes Quartier lohnt es sich immer.» Es ist ein lebendiges Gespräch, das zwischen Vater, Tochter und mir hin- und herspringt. Wenn ich eine Frage
gestellt habe, antwortet meist Julia blitzschnell.

Zum Schluss frage ich Julia noch: «Was würde passieren, wenn Vater tatsächlich immer zu Hause wäre?» «Es würde mich sehr nerven, wenn ich ehrlich bin.» Grosses Gelächter im kleinen Laden!

Thierry und Julia verlassen den Buchladen und irgendwie habe ich den Eindruck, dass es zwei sind, die sich sehr ähnlich sind und sich deshalb auch sehr gut verstehen.