Der Berner Mattegucker

ALTSTADTLÜT: EIN WORTSCHATZ

Filmplakat AltstadtlütTschueple? Zu diesem Begriff gibt es kaum Hinweise. Da kann ich noch lange suchen. Immerhin erfahre ich aus einem Buch, dass es ein Kinderspiel umschreibt. Aber was für eines? Ich rufe also jenen Altstadtmenschen an, der das Wort benützte. Ja, sie hätten früher in der Matte ausgiebig getschueplet, vorallem die Badgässler. Und im Breitenrain wüsste sicher niemand, was das sei!
Der Breitsch war mein Quartier. Von dort aus überquerte ich immer wieder die Brücke, um in die Altstadt zu gelangen. Schön fand ich sie schon seit ich vor Jahren nach Bern gekommen war; ich hielt mich gerne in ihr auf, erkundete sie immer wieder neu. Doch sei es die Brunngasse, das Münster, die Beizen oder Lauben: Diese Orte erschlossen sich mir erst wirklich durch Begegnungen. Mit den Menschen, die dort wohnen und sie beleben. Was wäre die Stadt ohne sie, ohne uns?
Seit einem Jahr spielt "Altstadtlüt" im verträumten Kellerkino an der Kramgasse. Ein Lichtstreifen, der trotz schwieriger Umstände mit um so mehr Herzblut von Alberto, Antonio und mir realisiert wurde. Ein Film, dessen Geschichten sich mit den unsrigen zu einem Grossen, Ganzen verknüpfen. Ein Geschehen, an dem wir alle weiterweben können - und das mich vor kurzem in die Matte brachte. Mein neuer Heimweg führt nun steil hinunter über tönende Treppen. Auch diese sind da, um in beide Richtungen begangen zu werden; und zwar immer wieder.
Ich sitze am Küchentisch vor dem Computer und spiele die Stimmen der Mitwirkenden aus "Altstadtlüt" ab, um sie auf Deutsch zu übersetzen. Ein aariges Gefühl. Wie vertraut sie mir inzwischen wurden. Wie siebzehn Alte mir buchstäblich Türen geöffnet haben. Gleich fünf von ihnen sind heute meine Nachbarn; eine lebt gar im selben Haus. Zuoberst. Sie wohnt immer zuoberst. Ihre Worte wollen wir bald in einem Buch herausbringen und samt Film als Flaschenpost in den Fluss werfen. Mit besten Wünschen, auf dass sie möglichst weit schwimmen.
Tschueple... Am Telefon erklärt mir der ehemalige Treppenwischerbub, dass sie als Asphaltkinder Zeichen auf die Gassen malten, mit Kreide. So zeigten sie der nachfolgenden Gruppe, wo sie entlang gegangen waren. Am Ziel gab es eine letzte schwierige Herausforderung. Nämlich diejenigen, welche vorausgegangen waren und sich dort inzwischen versteckt hatten, aufzuspüren. Peter wurde meistens nicht gefunden. Und doch ist er immer noch da. Man müsse manchmal zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein, heisst es. Ich glaube, im Leben ist man das immer. Und das Schicksal winkt oft mit einem Lächeln.

Indra Spuler