Der Berner Mattegucker

Der mysteriöse Gagu

Es wohnte einmal eine alte Frau in einem wunderbaren alten Haus in der Matte. Sie hatte einen kleinen Hund. Irgendeinmal fand die Frau einen sonderbaren Gagu in ihrem Garten. Der Gagu war ganz anders als die Böhnchen, die ihr Mops jeweils hinter die Rosen pfefferte. Er war grösser. Nicht gerade wie bei Menschen, aber grösser als bei Füchsen oder Mardern. Die alte Frau war ratlos. Jeden Abend sammelte sie den Gagu ein und schmiss ihn in die grüne Tonne der Nachbarin – die alte Frau mochte ihre Nachbarin nicht so sehr.
Im Treppenhaus traf die alte Frau auf die beiden Kinder, die im Haus wohnten. Fridi und Hänsu. Wie immer streichelten die Kinder den hechelnden Hund und die alte Frau erzählte von der mysteriösen, braunen Stinkkugel. Die Kinder packte die Neugier. Sie wollten unbedingt wissen, was für ein Tier sich in ihrem Garten herumtrieb.
Beim Nachtessen fragten sie die Eltern, ob sie im Garten im kleinen Spielhaus übernachten dürften. Die Eltern waren erstaunt über den Mut ihrer Kinder, hatten aber nichts dagegen. Eingepackt in ihre warmen Schlafsäcke lagen Fridi und Hänsu im kleinen Holzhaus und lugten aus dem schrägen Fensterchen hinaus in den Garten. Die sechs Katzen aus der Nachbarschaft streiften durch die Dunkelheit, sonst geschah lange nichts. Aber plötzlich, sie hatten schon fast geschlafen, bewegte sich ein grosser brauner Pelz vor ihnen, ganze nahe.

Es war ein Bär. Bär

Die Kinder trauten ihren Augen nicht und bekamen es mit der Angst zu tun. Der Bär schnüffelte an den Blumen, ass ein paar Meertrübeli – und machte in den Garten der alten Frau. Dann verschwand er wieder.
Die Kinder hatten rote Ohren vor Aufregung, rannten rasch ins Haus und erzählten ihren Eltern, was geschehen war. «Das kann nicht sein», sagte der Papa bloss, der sich einbildete, eine Ahnung von Tieren zu haben, nur weil er immer Tierfilme schaute, wenn im Fernsehen kein Fussball kam. Und auch die Mama wollte den Kindern nicht glauben. Wütend über ihre Eltern und aufgeregt lagen die Kinder noch lange wach.
Am nächsten Tag klingelten Fridi und Hänsu an einem Haus in ihrer Strasse, dort wohnte nämlich der Bärenwärter – das wussten sie vom Papa. Auch der Bärenwärter mochte die Geschichte nicht recht glauben, schliesslich fehle im Bärenpark kein Bär, witzelte er. Weil er aber merkte, dass die Kinder überzeugt waren von dem, was sie erzählten, versprach er, am Abend vorbeizukommen. Und so kams, dass Fridi und Hänsu am Abend wieder im Spielhaus sassen und aus dem kleinen Fensterchen linsten. Der Bärenwärter sass davor im Liegestuhl, drehte sich eine Zigarette und schlief friedlich ein.
Als ihm eine kalte, kratzige Zunge über die Wangen strich, war der Bärenwärter aber schnell wach. Es war Ursina, die junge Bärin aus dem Bärenpark.
Zwei Tage später klingelte es an der Türe von Fridi und Hänsu. Es war Gemeinderat Flause mit einem Blumenstrauss und zehn Kilo Schokolade. Dank den beiden Matte-Kindern entdeckten die Bärenwärter nämlich am Tag darauf, dass Ursina einen überwachsenen Eisendeckel weggeschoben hatte, hinter dem ein vergessener Gang in die Matte führte. Und offenbar schon seit Wochen abends heimlich Ausflüge in die Matte unternahm. Ein Wunder, dass nichts passiert war.
Die alte Frau war froh, nicht mehr jeden Abend einen Gagu auflesen zu müssen. Und Fridi und Hänsu brauchten genau 54 Tage, bis sie die Schokolade aufgegessen hatten. Sie hatten sehr oft Bauchweh.

Simon Jäggi