Der Berner Mattegucker

Erna Eugster

Erna war eine der 2700 «administrativ Versorgten» im Kanton Bern

Erna Eugster 2014Den meisten Leuten in der Matte braucht man Erna Eugster nicht gross vorzustellen. Als ehemalige Quartier-Bewohnerin kennen sie viele Mätteler. Was jedoch die wenigsten wussten: Sie ist eine der schätzungsweise 2700 Betroffenen, die allein im Kanton Bern zwischen 1942 und 1981 «administrativ versorgt», das heisst ohne straffällig geworden zu sein im Gefängnis waren. Um einerseits das Erlebte ein Stück weit besser verarbeiten zu können, andererseits um die ungeheuren Ungerechtigkeiten, die sie und Tausende andere ähnlich erfahren haben, öffentlich zu machen, hat sie mit der Unterstützung eines Journalisten das Buch «Dreckloch» verfasst.

Wie ist es dazu gekommen, was hat
den Ausschlag gegeben, dass du ein
Buch geschrieben hast, Erna?

Eine Ausstellung zum Thema Verdingkinder im Käfigturm vor einigen Jahren hatte mich wahnsinnig beschäftigt. Nachdem ich mir eine Dreiviertelstunde lang Geschichten von Betroffenen angehört hatte, musste ich fluchtartig den Raum verlassen. Danach hatte ich eine Zeitlang verstärkt gesundheitliche Probleme und konnte kaum mehr gehen. Da habe ich mir ernsthaft überlegt, ob ich meine Geschichte nicht auch aufschreiben soll. Als sich dann die Zusammenarbeit mit dem Berner Journalisten Daniel Lüthi ergab und der Verlag Xanthippe gefunden war, nahm das Buchprojekt seinen Lauf.

Was war dein Ziel, als ihr
das Buch in Angriff genommen habt?

Die Verarbeitung von dem, was ich schon als kleines Kind zu Hause, später als Jugendliche in Heimen, in der Psychiatrie und im Gefängnis erlebt hatte, war ein Grund, weshalb ich ein Buch schreiben wollte. Wichtiger ist mir jedoch, dass die Schweiz das Thema der administrativ Versorgten aufarbeitet. Das gehört in die Geschichtsbücher. Und nicht nur das: Verding- und Heimkinder, Opfer von Zwangssterilisationen, Zwangsadoptionen, Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen – all jene Schicksale dürfen wir nicht einfach so vergessen und unter den Teppich kehren. Nicht in erster Linie wegen uns Direktbetroffenen, wir haben unser Schicksal und tragen es auf dem Buckel mit, es muss aufgearbeitet werden wegen den nachkommenden Generationen! Wie viele Kinder oder Erwachsene müssen heute leiden, weil früher ihre Mutter oder ihr Vater gelitten hatte? Jemand der nur Schläge kennengelernt hat, gibt diese möglicherweise weiter. Hat der Alte zu viel gesoffen, machen die Jungen vielleicht genau gleich weiter. Wir müssen diese Kette, diese Weitergabe von Aggressionen, Süchten, psychischen Erkrankungen und so weiter unterbrechen, und zwar jetzt!
Im Buch werden zwei Gedenkanlässe beschrieben, einer fand in der Strafanstalt Hindelbank in Anwesenheit von Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf statt, der andere, mit Bundesrätin Simonetta Sommaruga, im Kulturcasino Bern. Das war in deinen Augen erst ein gut gemeinter Anfang, oder?
Ja, das war ein Anfang, die Bundesrätinnen haben sich bei den Betroffenen entschuldigt. Aber das reicht noch lange nicht. Alle involvierten Kreise sollen endlich anerkennen, dass – in den meisten Fällen ihre Vorgänger – unglaubliches Unheil angerichtet haben. Ich denke da an Gemeinden, Heime, die Kirche, der Bauernverband et cetera. Die verbale Schuldanerkennung ist das eine. Das andere ist die finanzielle Entschädigung. Viele der Betroffenen leben heute in äusserst bescheidenen Verhältnissen oder in Armut, und das oftmals, weil es ihnen – wie mir eben auch – verwehrt blieb, einen Berufsabschluss zu machen und danach anständig zu verdienen. So wie es jedoch aussieht, wird nun wahrscheinlich noch jahrelang am runden Tisch diskutiert, wer und wie viel Entschädigung erhalten soll, wenn überhaupt. Das geht nicht! Bis ältere oder kranke Menschen irgendwann Geld zugesprochen bekommen, brauchen sie es nicht mehr, weil sie nämlich längst tot sind. Um diesen Vorwurf zu entschärfen, wurde mittlerweile ein Nothilfefonds eingerichtet. Schön und gut. Doch das bedeutet für die Betroffenen, dass sie einmal mehr (!) gezwungen sind, als Schwache, als Bittsteller vor die Behörden treten zu müssen, um ein paar Fränkli zu erhalten. Von mir aus gehört es sich für diesen Rechtsstaat, hier so schnell als möglich ein Zeichen zu setzen und allen Betroffenen einen bestimmten Betrag auszubezahlen.

Ist zu hoffen, dass diese Forderung in den
Amts- und Verbandsstuben ernst genommen
und sehr bald umgesetzt wird.
Was kann ich, was kann «man» tun?

Die Initiative Wiedergutmachung für Verdingkinder und Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen sollte unbedingt unterschrieben werden. Je schneller die 100‘000 Unterschriften zusammen sind, umso rascher wird sich etwas tun Die Initiative unterzeichnen ist eine Sache, die man tun kann. Die andere ist: Hinsehen. Die Menschen sollen aufhören wegzuschauen. Es gibt Leute, die mir zum Beispiel sagten, sie hätten sich den Film Verdingbub nicht anschauen können. Ja, was sollen denn die Betroffenen da sagen? Die konnten den Grausamkeiten, die einige nicht an der Leinwand sehen wollen, ja auch nicht ausweichen.
Ich wünsche mir, dass die Menschen allgemein mehr hinschauen, Anteil nehmen und – das fängt bereits vor der eigenen Haustür an – zueinander schauen.

Interview: Isabel Mosimann

 Kinktipp: Verein Ravia, Rehabilitierung der Administrativ Versorgten: www.administrativ-versorgte.ch


 Das Buch

Buchcover DrecklochErna Eugster, Dreckloch, Lebensgeschichte einer administrativ Versorgten
Ihre Mutter nannte sie schon als kleines Mädchen Dreckloch. Saumensch. Oder Lumpenhure.
Schon bald wurde die 1952 geborene Erna Eugster fremdplatziert, kam in Heime, in eine psychiatrische Klinik und immer wieder ins Bezirksgefängnis. Sie machte Erfahrungen mit Alkohol und Prostitution und den Abgründen der menschlichen und insbesondere der männlichen Psyche.
Das Buch ist im Buchladen Einfach Lesen und in Buchhandlungen erhältlich. Erschienen im Xanthippe Verlag in Zürich. CHF 26.90