Der Berner Mattegucker

Alexandra Fury - in der Matte angekommen

Flexandra FluryAlexandra Flury schaut kurz nach Feierabend in die «Mattegucker Redaktion». Eher schüchtern, ruhig und unscheinbar nimmt sie mir gegenüber Platz. Wir tasten die Gesprächsthemen ab, denn bis jetzt habe ich Alexandra nur aus Distanz gesehen oder mich per Mail unterhalten. Zu einem persönlichen Gespräch war es bis heute noch nicht gekommen. Doch stürzen wir uns kopfvoran in die Matte-Gerüchteküche: Alexandras fünfjährige Tochter Leonie ist mit dem quirligen 6-jährigen Arno befreundet. Gemeinsam besuchten sie den Kindergarten bei der Fricktreppe. Leonie geht immer noch in den Kindergarten, Arno sitzt jetzt in der ersten Klasse im Matteschulhaus. Früher habe ich die beiden Mütter Alexandra und Vroni häufig in der Badgasse gesehen, wenn sie zusammen ihre Jungmannschaft aus dem Kindergarten abholten. «Seit wann lebst du in der Matte?» Dies ist wie immer meine Startfrage. «Seit 1996 bin ich der Matte, mit einem kurzen Unterbruch.» Alexandra ist 1975 geboren und lebt mit ihrem Lebenspartner Dominic und ihren Kindern an der Gerberngasse. ««Seit Leonie und Luis da sind, habe ich das Gefühl, hier richtig heimisch geworden zu sein. Und für die beiden ist sowieso klar, dass sie in der Matte daheim sind.  Sie kennen nichts anderes. Leonie sagt manchmal, wenn sie durch das Gittertor auf der Münsterplattform marschiert:

‚Jetzt bin ich in der Stadt‘. Ich freue mich, dass wir höchst wahrscheinlich auch die nächsten Jahre noch hier wohnen bleiben. Im 2010 werden wir in eine grössere Wohnung an der Wasserwerkgasse ziehen», sagt Alexandra.  «Hast du keinen Stress wegen des Wasserwerks?», frage ich lachend.

«Kein Problem, ich habe Ohropax», gibt sie ebenso lachend zurück. «Im Ernst: Das Wasserwerk hat seinen Platz wie anderes auch. Der springende Punkt: Die Leute sollten sich anständigt benehmen auf ihrem Nachhauseweg. Wie es aber dann am neuen Ort wirklich sein wird, werde ich dann sehen.» Alexandra ist eine Frau, die Situationen immer wieder neu beurteilen kann. Genau dann, wenn sie eintreten. Sie ist pragmatisch, zuverlässig, fleissig und eine Frau der Tat. So organisierte sie beispielsweise zusammen mit anderen Müttern die Strassenaktionen gegen den illegalen Durchfahrtsverkehr.  Diese waren ein voller Erfolg und fanden und viel Raum in den Berner Medien. «Wir überlegen uns, den Schwung zu nutzen und weitere Aktionen zu organisieren.» Alexandra hat Sprachwissenschaft studiert. «Ich begann mit einem Sportstudium und habe mich in diesem Studium und in der Gruppe nicht sonderlich wohlgefühlt. Ich entschied mich, die Richtung zu wechseln und Sprachwissenschaft und Staatsrecht zu studieren.» «Kannst du eigentlich Matteänglisch?», nehme ich neugierig den Faden auf. «Ich kann es ein bisschen. Das habe ich bei Res Margot gelernt. Lustigerweise kann ich die eigenartige Quartiersprache besser sprechen als verstehen. Irgendwann wusste mein Kopf beim Sprechen automatisch, wie die Silben zusammenzusetzen sind – beim Zuhören ist es leider nicht der Fall. Ich mag Sprachen generell und mich interessiert, wie sie funktionieren. Alexandra redet sich in Fahrt, wenn sie über ihre Liebe zu Sprachen und über ihre Kinder spricht. Dann sprudelt es nur so aus ihr heraus.

Seit Juli 2003 arbeitet Alexandra bei der Nachrichtenredaktion SDA als Journalistin. «Ihr bereitet Nachrichten auf bei der SDA?», frage ich spontan. «Wir bereiten die Nachrichten nicht nur auf, sondern machen sie selber», sagt sie bestimmt und schaut mich herausfordernd an. «Alles klar, ich habe verstanden», gebe ich zurück. Wundere mich aber dennoch.

«Das ist eben oft ein Missverständnis, dass wir in der SDA nur Nachrichten aufbereiten. Wir sind alles ausgebildete Journalistinnen und Journalisten und gehen zu den diversen Anlässen wie die Journis von anderen Zeitungen auch. Es ist einfach gesagt so, dass andere Medien Nachrichten von uns einkaufen, weil sie selber nicht alles abdecken können.» «Was fasziniert dich in der Matte?», wechsle ich das Thema.  «Die Altstadt, die alten Häuser. Die vielen Geschichten, welche die Häuser erzählen. Auch die Aare mag ich sehr, wenn manchmal auch zu viel Wasser kommt. 1999 habe ich das Hochwasser verpasst, weil ich in Berlin weilte und erst im Herbst wieder zurückkehrte. Ich habe aber irgendwie trotzdem das Gefühl, 1999 dabei gewesen zu sein. Ko-misch. 2005, als die Feuerwehrleute mit Lautsprechern auf das Hochwasser aufmerksam machten, dachte ich: Was die vom Wasserwerk wieder grölen‘. Als ich merkte, dass es ernst gilt, habe ich Leonie eingepackt und wir sind aus der Matte ausgezogen.» Luis wurde erst nach dem Hochwasser geboren.  «Was mich heute nach wie vor erschaudern lässt: Mein Partner stellte das Auto im Hof etwas erhöht hin. Wir hielten es nicht für möglich, dass das Wasser noch weitersteigen würde und dachten, das Auto sei in Sicherheit. Nun, das Auto ging unter – zum Glück war es ein uraltes. Nicht mal versichert war es. «Was meinst du zu den Hochwasserschutz-Varianten?» «An der Variante Objektschutz gefällt mir, dass versucht wird, die Matte aufzuwerten und sie etwa auch für die vielen Sonntagsspazierer attraktiv zu machen. Wenn schon viele Leute viel Geld für unseren Hochwasserschutz bezahlen sollen, dann dürfen sie auch etwas davon haben. Die Idee der Kombination von Hochwasserschutz und Aufwertung überzeugt mich. Im Detail kann ich aber die Objektschutz-Variante nicht beurteilen. Wie der Quai und die Mauer genau gebaut werden, ist ja noch nicht festgelegt. Bei den technischen Aspekten kann ich leider nicht mitreden, da bin ich überfordert. Und dass sich die Leute, die direkt an der Aare wohnen, gegen einen Quai vor ihrer Nase sind, verstehe ich.  Nicht in Ordnung finde ich es allerdings, wenn sie gegen die Objektschutz-Variante des Gemeinderates opponieren ohne ihre persönlichen Interessen offen zu legen. Gar nicht erwärmen kann ich mich allerdings für den jüngst vorgeschlagenen Hochwasserschutz light. «Was stört dich in der Matte?» «Ich fühle mich sehr gestresst wegen des schnellen Durchgangsverkehrs.  Durchfahren ist noch das eine. Aber wenn die Autos so schnell durch die Matte rasen, finde ich das alles andere als toll.» Alexandra Flury wirkt seit 2009 auch im Vorstand des Matte-Leistes mit und hat viel Verantwortung übernommen. Sie will etwas bewegen und verändern. «Ich bin froh, dass es einen Leist gibt, eine Institution, wo man gegenüber der Stadt eine Stimme hat», sagt sie nachdrücklich.  Überhaupt scheint mir Alexandra eine Frau zu sein, die eine klare Meinung hat, sich gewählt und gut ausdrücken kann.

«Was hast du für eine Aufgabe im Leist übernommen?» «Ich erledige die Sekretariatsarbeiten und mache alles, was anfällt. Wichtig ist mir, dass der Leist weiter lebt. Ein Quartierverein kann vieles bewirken. Was alles möglich sein wird und was ich alles machen kann, wird sich weisen.» Alexandra will handeln und nicht warten, bis alle angekommen sind.  «Wir suchen übrigens noch Vorstandsmitglieder. Den Leuten, die Angst haben, dass es viel Arbeit gibt, möchte ich nur sagen: Man kann mehr oder weniger machen …» «Was wünscht du dir für deine Kinder in der Matte?» «Wenn Leonie und Luis erwachsen sind, würde ich mir wünschen, dass sie sagen können: «Ich hatte eine schöne Kindheit in der Matte. Ich habe mich wohlgefühlt. Das beeinflussen aber wohl in erster Linie die Eltern und die Leute, die sich um die Kinder kümmern, und weniger der Ort, an dem man wohnt.

Draussen ist es dunkel geworden. Ich verabschiede mich von einer willensstarken Frau, eine die etwas bewegen will und eine die anpacken kann.