Der Berner Mattegucker

Das Konzert

Als sie mich vom Wagen hoben, regnete es. Ich hasse Reisen. Das braune Portal ging auf, ein langer Gang, eine Kirche. Sechs Stufen zum Altarraum, Steinboden. Schlimmer konnte es nicht kommen. Meine Saiten, die schon während der Fahrt zu schmerzen begonnen hatten, schienen zu reissen. «Beeilt euch, Georg kommt gleich, und in zwei Stunden geht’s los», sagte eine Stimme.

Sie liessen mich stehen. Ich kenne Georg. Der ewig mürrische, vor sich hin brabbelnde Klavierstimmer. Er tut mir weh, aber wenn er fertig ist, sind die Schmerzen vorbei. So war es auch dieses Mal. Und dann … hatte er mir wirklich «viel Glück» gewünscht, bevor er ging?
Ich musste eingedöst sein, denn als ich den Luftzug spürte, war die Kirche voller Menschen, voller Erwartung, voller Vorfreude.
Und ich hatte wieder einmal keine Ahnung, wer oder was mich erwartete. Wer würde spielen? Und was?

Der Applaus begann ein wenig rechts von der Mitte, breitete sich aus bis zur rechten Wand, dann zur linken Seite, bis auch die Zuschauer, die ganz links auf Stühlen im Gang sassen, den Künstler sehen konnten. Er kam aus der Sakristei, klein, mit sorgfältig zurückgekämmten dunklen Haaren. Das graue Kaschmirhemd reichte ihm fast bis zu den Knien und kaschierte kaum seinen wohl gerundeten Bauch.
Er würdigte mich keines Blickes, schritt vor bis zum Rand der Stufen und verbeugte sich – die Hände sorgfältig zwischen den Knien verborgen. Keine erkennbare Regung. Schliesslich drehte er sich zu mir, warf ein grosses weisses Taschentuch auf mich, setzte sich, justierte den Schemel in der richtigen Höhe. Ich mag es nicht, wenn Sachen auf mir liegen.

Seine Hände lagen in seinem Schoss, unsichtbar. Mit gebeugtem Kopf meditierte er über meinen Tasten, seine dunklen Augen bohrten sich in mich als suche er meine Seele. Wenn ich gewusst hätte, wo sie ist, hätte ich sie versteckt.
Ein Blinzeln, sein Rücken straffte sich, die Hände flogen, Finger landeten auf mir. Präzision. Ich brachte die Töne von der ersten Note an leichter und bereitwilliger heraus als ich gedacht hatte. Er muss es gewusst haben, seine Finger tanzten auf mir als seien wir seit Ewigkeiten ein Paar.
Ich hatte das Stück schon oft gespielt. Hatte es gespielt, als sei es Schwerstarbeit, hatte es gespielt, als sei es eine mathematische Formel – schön in ihrer komplexen Einfachheit, hatte es gespielt, dass die Kritiker von einer perfekten Vorstellung sprachen. Noch nie so! Die Partita wurde unter seinen Händen eine Geschichte. Keine einfache. Aber eine, der man atemlos zuhört. Ich bekam beinahe Angst. Wenn das so anfing, was käme als Nächstes?

Ein Augenblick überraschter Stille nach dem letzten Ton. Er nahm das Taschentuch, wischte sich routiniert die Hände, legte es ab, ohne mich zu berühren. Ein Nicken zum Publikum, die Finger über meinen Tasten, konzentrierte Ungeduld. Der Applaus endete, als hätte jemand dem Publikum das Klatschen verboten.
Für eine halbe Sekunde wagte ich es, seinen Röntgenblick zu erwidern. Was käme als Nächstes?
Fingerspitzen. Langsam. Rhythmisch. Alt. Eine einfache Melodie, die die Weisheit der ganzen Welt zu enthalten schien. Kurz.
Und schon im nächsten Moment begann die alte Melodie ihre Reise durch Zeit und Raum, beschleunigt und verlangsamt, wiederholt und abgekürzt, zerrissen und wieder vereinigt, hoch und tief, verziert und schlicht, ein bunter Tanz durch Tonarten und Tempi. Ich fühlte mich mit ihm wie ein Kunstwerk, wie ein lebendiges Wunder. Ich fühlte mich unter seinen Händen schmelzen, seinen Fingern gehorchend, willenlos. Ich gab mich hin. Und genoss es. Es sollte nicht aufhören.

Das Publikum stand, bevor der letzte Ton verklungen war. Starre Augen in blassen Gesichtern, entrücktes Lächeln.
Ich flüsterte «da capo!», doch meine Worte gingen unter im Applaus und Bravo-Rufen. Sein Gesicht war entspannt, er lächelte, die braunen Augen glänzten. Er verbeugte sich dankend, zwei-, drei-, fünfmal. Dann drehte er sich um und ging. Als er an mir vorbei ging, griff er nach seinem Taschentuch. Dass ein Stück von meinem Herzen darin steckte, merkte er nicht.
Als sie mich aus der Kirche trugen und auf den Wagen luden, schien die Sonne. Ich liebe Reisen.

Roswitha Menke