Der Berner Mattegucker

Warum der Objektschutz für die Matte die beste Lösung ist

Regula RytzSeit dem Jahrhunderthochwasser 2005 sind vier Jahre vergangen. Zum Glück blieben die Quartiere an der Aare seither vor Überschwemmungen in dieser Grössenordnung verschont, obwohl es in jedem Sommer zu heiklen Situationen kam. Auch in diesem Frühling könnte die Aare wieder über die Ufer treten, denn die Rekordschneemengen in diesem Winter verheissen nichts Gutes.

Zwar sind wir heute dank zahlreichen kurz- und mittelfristigen Massnahmen besser gerüstet als 2005. Das genügt aber nicht. Wenn die Aare erneut stark ansteigt, käme es mindestens zu einer Situation wie 1999 mit stehendem Wasser in der Matte. Da nützen auch die Beaver-Schläuche («Matteschüblig») nicht viel, weil das Wasser einfach durch den Boden ins Quartier eindringt. Und auch mit dem provisorischen Hochwasserschutz beim Tych kann eine Durchströmung der Matte nicht vollständig ausgeschlossen werden. Nötig sind daher nicht Zwischenlösungen und Provisorien, sondern Massnahmen, die dauerhaft hohen Schutz gewährleisten - erst recht vor dem Hintergrund der Klimaerwärmung.

Schutz im Extremfall

Als wasserbaupflichtige Gemeinde müssen wir von Gesetzes wegen die vom Kanton vorgegebenen Schutzziele einhalten. Für den langfristigen Hochwasserschutz ist als Schutzziel eine Abflussmenge von 600 m3/s definiert worden. Es könnte aber auch der Extremfall eintreten, dass die Aare 700 m3/s Wasser führt. Der Stollen Dalmazi–Seftau könnte nicht mehr als 200 m3/s Wasser ableiten. Die Folge: Gegen das von unten in die Häuser eindringende Grundwasser wäre kein Mittel vorhanden. Mit der Objektschutz-Variante wird dagegen das «Löchersieb»-Problem mit unterirdischen Abdichtungen und einem Drainage-System gelöst.
Der nachhaltige bauliche Hochwasserschutz ist ein vielschichtiges Projekt. Alle realistischen Lösungsansätze wurden geprüft und bewertet. Schon früh kristallisierte sich die Lösung «Objektschutz Quartiere an der Aare» als beste Variante heraus. Sie war aber noch mit Unsicherheiten behaftet, weshalb der Gemeinderat im Mai 2006 entschied, mit der Stollenlösung zwei Varianten vertiefter zu prüfen. Dies obschon sich Bund und Kanton schon damals für den Objektschutz ausgesprochen hatten.

Objektschutz als beste Variante

Die Abklärungen bestätigten, dass die Objektschutzlösung den besseren Hochwasserschutz bietet. Sie schützt nicht nur vor oberflächigen Überflutungen, sondern auch vor dem Wasser, das durch den Boden eindringt. Zudem ist ihre Schutzwirkung nicht wie bei der Stollenlösung auf 600 m3/s begrenzt, sondern lässt sich in Extremsituationen durch eine temporäre Erhöhung der Ufermauer vergrössern. Für die Objektschutzlösung sprechen auch die Kosten: Sie ist mit 93 Millionen Franken Bruttokosten (wovon Bund und Kanton einen beträchtlichen Teil tragen) klar die günstigere Variante gegenüber der Stollenlösung, die (bei geringerem Schutz!) 128 Millionen Franken kosten würde.
Für den Gemeinderat ist der Objektschutz nach heutigem Ermessen die beste Variante. Er gewährleistet zu tragbaren Kosten ein Optimum an Hochwasserschutz für die historisch gewachsenen Aare-Quartiere und sorgt dafür, dass die Wohn-, Gewerbe- und Kulturnutzung in diesen Stadtteilen auch künftig attraktiv bleibt.

Am gleichen Strick ziehen

Trotzdem zeichnet sich ab, dass das Projekt umstritten sein wird. Nebst jenen, welche die Stollenlösung vorziehen, werden zunehmend Stimmen laut, die mehr Selbstver­antwortung der Hauseigentümer und Bewohnerinnen in den Aare-Quartieren und eine Einschränkung der Nutzung fordern. Rund 90 Millionen Franken zum Schutz vor «nassen Füssen» sind für sie unverhältnismässig viel Geld.
Für den Gemeinderat ist eine solche Mini-Lösung keine Alternative. Es gehört für ihn zur Verantwortung eines Gemeinwesens, solidarisch mit jenen zu sein, die durch Naturereignisse bedroht sind. Wenn die Aare-Quartiere langfristig erhalten bleiben sollen, braucht es einen Hochwasserschutz, der diesen Namen verdient. Der Objektschutz erfüllt diesen Anspruch.
Damit wir allerdings auch die Bevölkerung in Bümpliz, in der Länggasse und in den anderen «trockenen» Stadtteilen dafür gewinnen können, sollten sich Betroffenen und Behörden rasch auf die technisch bessere und finanziell vernünftigere Lösung einigen. Zudem ist es nötig, das heutige Vorprojekt ans geschützte Ortsbild der Altstadt anzupassen und aufzuzeigen, dass die geplante Ufermauer auch städtebaulich einen Mehrwert bringt. Nur so wird es möglich sein, eine Mehrheit der Stimmberechtigten zu überzeugen.

Regula Rytz, Gemeinderätin


Pro und Contra Objektschutz Veranstaltung 2. Juni im Altenberg - weitere Infos folgen