Der Berner Mattegucker

Andreas Lüthi

Hochwasserschutz, das Dauerthema in der Matte polarisiert. Es muss etwas getan werden, doch welche Massnahmen sind die Richtigen? Für die Stadt scheint die Stollenlösung vom Tisch. Doch aus der Matte werden Stimmen laut, die über eine Alternative zum obrigkeitlich bevorzugten Objektschutz abstimmen möchten. Denn, obschon man es wusste, ist es beängstigend: Kaum öffnete Thun seinen Stollen zu Testzwecken, stieg der Aarepegel in Bern am 26. und 27.3.2009 in einer kurzen Spitze um über einen Meter!

Andreas Lüthi vom Komitee ProStollen, www.prostollen.ch zieht vorsichtshalber den Kopf ein, als er zum Interview an die Schifflaube 26 kommt.

Andras LüthiNicht weil er etwas befürchten müsste, doch der gross gewachsene Mann hat es sich angewöhnt, in der Matte den Kopf einzuziehen. Zu tief sind die Lauben, zu niedrig manche Räume. Lüthi zieht allerdings den Kopf nicht ein, wenn es darum geht, etwas zu unternehmen und eine Sache anzupacken, von der er überzeugt ist. Seit August 2008 lebt Lüthi an der Wasserwerkgasse 1 im neuen Gebäude direkt an der Aare. Logisch, dass er sich Gedanken zum Hochwasserschutz macht.
«Eigentlich wäre ich gerne Bauer geworden. Ich bin auf dem Land aufgewachsen, aber meine Eltern hatten keinen Bauernhof. Es war wohl deshalb eher schwierig Bauer zu werden. So habe ich eben Werkzeugmacher gelernt», sagt er schmunzelnd.
«1984 wollte ich wieder auf Reisen gehen. Angespornt durch meinen Bruder versuchte ich es mit der Aufnahmeprüfung ans Technikum. Da ich die Prüfung bestand, war vorerst nichts mit reisen.»

Lüthi diplomierte an der Fachhochschule als Maschineningenieur, bildete sich weiter zum Informatikingenieur. Weitere Ausbildungen folgten, die ihn bis nach St. Gallen an die Universität brachten. Eine völlig andere Welt tat sich mit seinem langjährigen Engagement für die Bergrettung auf. Als Präsident der Rettungskommission des SAC überführte Lüthi die gesamtschweizerische Bergrettung in die Stiftung «Alpine Rettung Schweiz».

Heute arbeitet Lüthi bei der Rega. «Departementsleiter Betrieb. Was machst du da?» frage ich ihn. «In diesem Bereich ist der rückwärtige Dienst angesiedelt. Dazu gehören das Gönner-Center, die Verrechnung der Einsätze, die IT-Abteilung mit einem schweizweiten Funknetz, der Personaldienst wie das Ressort Finanzen. Ich bin der «Finanzminister» der Rega.»
«Du hast eine gute Intuition», sage ich übergangslos.
«Ich stand oft am richtigen Moment am richtigen Ort. Dass das mit meiner Intuition zu tun hat, glaube ich nicht. Ich bin eigentlich ein rationaler Mensch», dabei schaut er mich verschmitzt lachend an. «Es ist doch immer dasselbe mit dem Kopf und dem Bauch», sUnd wieder schaut er mich über den Brillenrand an.

Andreas Lüthi ist ein sportlicher Typ. «War ein sportlicher Typ», fügt er rasch ein. Er war früher aktiver Alpinist, bis er 2000 damit aufhörte, auf die Berge zu kraxeln, wie er selber sagt. «Dafür gehe ich jetzt, sofern etwas Zeit übrig bleibt, regelmässig nach Grindelwald oder auf den Hasliberg skifahren», meint er bedauernd.

Reisen ist eine weitere Leidenschaft von Andreas. Im Sommer dieses Jahres will er mit seiner Frau nach Nepal oder in den Tibet Indiens, in den Ladakh. Er ist ein weit gereister Mann. Indien ist eines seiner Lieblingsländer, weil da die Gegensätze des Lebens derart intensiv aufeinanderprallen.
«Wohin würdest du noch gerne oder wieder einmal reisen?»
«Kanada in die Rocky Mountain, Florida oder nach Bali.» Seine Augen leuchten.

Andreas Lüthi kann man als «Manager» bezeichnen, wobei er allerdings das Wort «Manager» nicht besonders mag. Er beginnt etwas, baut auf und dann ergibt sich immer wieder etwas Neues. Dies ist wohl die Grundstruktur dieses betriebsamen Menschen. Er zieht es vor, im Hintergrund zu wirken, ohne gross Aufsehen um seine Person zu machen. Doch jetzt tritt Lüthi gleich mit zwei grossen "Bern-Kisten" ins Rampenlicht: die Aktion "Rettet-den-Bund"
www.rettet-den-bund.ch ) und das für die Berner Aarequartiere wichtige Projekt «ProStollen»

«Wieso setzt du dich für den Stollen ein?»

«Als ich in die Matte zog, war mir klar, dass man hier mit Hochwasser und nassen Füssen rechnen muss. Der Stollen scheint mir technisch geradliniger als der komplexe Objektschutz. Eine Mauer ist auch nicht alles, sie bietet Schutz, zwängt aber die Aare in einen engen Kanal und mauert gleichzeitig die Bewohner ein. Es erinnert mich an meine Jugend, als wir Kinder in einem Bach das Wasser gestaut haben, um zu sehen, wo das Bächlein dann tatsächlich durchfliesst. Dies muss doch bei der Aare nicht sein - oder?» Er schaut mich an.
«Stimmt, Wasser ist mit Gefühlen verbunden und Emotionen fliessen, vor allem beim Thema Hochwasser. Das wird wohl immer so sein», erwidere ich.
«Wenn ich beide Varianten Stollen und Objektschutz betrachte, finde ich, dass beide Varianten zur Abstimmung gelangen sollten. Es ist wichtig, dass man sich wirklich mit dem Hochwasserschutz beschäftigt und jeder seine eigenen Überlegungen anstellt. Klar interessieren sich Leute, die in der Stadt oben wohnen weniger, als wir, die vom Hochwasser direkt betroffen werden. Trotzdem ist es notwendig, dass verschiedene Sichtweisen ausdiskutiert werden.»
«Da gebe ich dir recht», wende ich ein.
«Ich gebe zu, ich habe einen grossen persönlichen Widerstand gegen das «Einmauern» und gegen den öffentlichen Quai vor dem Wohnzimmer. Und es ist doch legitim, wenn ich mich dagegen wehre», sagt Lüthi sachlich. «Natürlich verfolge ich auch ein Eigeninteresse, wenn ich mich für eine gute Lösung in der Matte einsetze. Denn jeder möchte ja sein Eigentum schützen, oder nicht?» Er schaut mich über den Brillenrand fragend an.
«Das ist klar, aber muss es dann gleich die Stollenvariante sein?»

«Wie schon gesagt, ich bevorzuge die Stollenvariante, weil so der Weg des Wassers besser nachvollziehbar ist. Und kalkulierbarer als das Grundwasser zu bändigen.»
Andreas Lüthi schaut nachdenklich zum Fenster auf die Aare hinaus. Der Wasserstand ist tief, aber die schrecklichen Bilder der Überschwemmung sind immer vor Augen.
«Wie ist eigentlich dein Bezug zur Matte?», wechsle ich das Thema.
«Meine Frau ist in Bern aufgewachsen und sie konnte es sich gut vorstellen, in der Matte zu leben. Wir haben im Schloss Reichenbach gewohnt. Als dann die Tochter auszog, war die Wohnung zu gross für uns beide. Wir waren auf zwei Autos angewiesen, dies war umweltmässig auch nicht gerade das, was wir uns vorgestellt hatten. Für einen kurzen Moment haben wir auch in Erwägung gezogen, für zehn Jahre nach Zürich zu ziehen und später wieder nach Bern zurückzukommen.»
«Nach Zürich ziehen?» Ich muss ihn wohl ungläubig angestarrt haben.
«Ja klar, wieso nicht. Ich konnte mir das absolut vorstellen. Als wir allerdings kurze Zeit später im Internet die neuen Wohnungen an der Wasserwerkgasse 1 gesehen haben, war es tatsächlich keine Frage mehr, nach Zürich zu ziehen.»
«Mir gefällt es sehr in der Matte und an der Aare und die Wohnung ist genau auf uns zugeschnitten.«
«Wie kannst du dir die Matte in zehn Jahren vorstellen?»
«Ich glaube in zehn Jahren ist die Matte so strukturiert wie jetzt – Internet- und Werbefirmen werden ihren Platz haben. Auch die Wohnsituation wird sich nicht stark verändern. Wie es mit dem Ausgehquartier weiter gehen wird, wird sich zeigen. Ich muss dir ehrlich sagen, ich bin sehr froh, dass das Wasserwerk nicht mehr geöffnet ist und ich hoffe auch, dass dies so bleibt. Es wäre wohl sinnvoller, wenn sie Lofts bauen würden. Dies wäre sicher besser im Konzept der Matte, als wenn wieder ein Partylokal geben würde. Es waren ja nicht nur die Berner, die das Wasserwerk besucht haben, sondern die jungen Leute aus andern Landesteilen der Schweiz. Und die Jungen, die nicht ins Wasserwerk reinkamen, standen dann mit ihren Flaschen vis-à-vis beim Dynamo. Dies war nicht gerade das, was ich mir als Wohnungsumgebung vorgestellt hatte. Deshalb finde ich es gut so, wie es jetzt ist. Er lacht schelmisch. «Seit das Wasserwerk geschlossen ist, gibt es ab und zu ein Parkplatz im Quartier, auch wenn man spät in der Nacht nach Hause kommt.» (Kurz nach dem Interview wurde publik, dass das Wasserwerk leider wieder eröffnet wird.)

Unsere Gesprächszeit ist schon fast vorbei und so komme ich nochmals auf den Hochwasserschutz zurück.
«Was hast du für ein Gefühl betreffend den beiden Objekten Objektschutz und Stollen?», frage ich unvermittelt.
«Ich würde mir wünschen, dass die beiden Projekte zur Abstimmung gelangen. Ich würde mir auch wünschen, dass die beiden Varianten durch einen Dritten begutachtet werden. Ich hoffe, dass Gespräche mit der Stadt möglich sind und man nicht lediglich versucht, uns unsere Argumente auszureden.»
Wir hoffen alle, dass wir in der Matte die bestmöglichsten Lösungen für einen optimalen Hochwasserschutz erreichen. Da sind Andreas und ich uns für ein Mal einig!

Herzlichen Dank Andreas für das lebendige und spannende Gespräch.